Thema: Alltagsmission in einem nach-christlichen Umfeld
Prediger: Hanniel Strebel
Datum: 16.11.2025
Einleitung und Gebet
Herr, öffne du uns die Augen, aber mach du auch die Kammer unseres Herzens auf. Erweitere du unsere Perspektive, schenk uns du mehr Freude an dir und mach uns willig, dir mit Hingabe zu dienen. Amen.
Ich freue mich sehr, euch heute durch einen wirklich spannenden Bibelabschnitt zu führen. Wir lesen zusammen aus Gottes Wort, Apostelgeschichte 14. Es geht mir dann vor allem um eine ganz kurze, ja eigentlich einen Predigtzusammenschnitt, eine Spontanpredigt von Paulus, aber ich lese uns des Zusammenhangs willen Kapitel 14, Vers 1 bis Vers 20.
Bibeltext: Apostelgeschichte 14,1-20
Apostelgeschichte 14, Vers 1. Ich lese im vollen Vertrauen, dass der Gott, der hier gesprochen hat, heute zu dir und zu mir spricht.
Und es geschah in Iconium, in der heutigen Türkei, dass sie miteinander – sie, das sind Paulus und seine Begleiter – in die Synagoge der Juden gingen und derart redeten, dass eine große Menge von Juden und Griechen gläubig wurde. Die Juden jedoch, die sich weigerten zu glauben, erregten und erbitterten die Gemüter der Heiden gegen die Brüder. Doch blieben sie längere Zeit dort und lehrten freimütig im Vertrauen auf den Herrn, da er dem Wort seiner Gnade Zeugnis gab und Zeichen und Wunder durch ihre Hände geschehen ließ. Aber die Volksmenge der Stadt teilte sich, und die einen hielten es mit den Juden und die anderen mit den Aposteln.
Als sich aber ein Ansturm der Heiden und Juden samt ihren Obersten erhob, um sie zu misshandeln und zu steinigen, da bemerkten sie es und entflohen in die Städte Lycaoniens, Lystra und Derbe und in die umliegende Gegend. Und sie verkündigten dort das Evangelium.
Und in Lystra saß ein Mann mit gebrechlichen Füßen, der von Geburt an gelähmt war und niemals hatte gehen können. Dieser hörte den Paulus reden, und als der ihn anblickte und sah, dass er Glauben hatte, geheilt zu werden, sprach er mit lauter Stimme: Steh aufrecht auf deine Füße! Und er sprang auf und ging umher.
Als aber die Volksmenge sah, was Paulus getan hatte, erhoben sie ihre Stimme und sprachen auf Lycaonisch, also im Dialekt: Die Götter sind Menschen gleich geworden und zu uns herabgekommen! Und sie nannten den Barnabas Zeus, den Paulus aber Hermes, weil er das Wort führte. Und der Priester des Zeus, dessen Tempel sich vor ihrer Stadt befand, brachte Stiere und Kränze an die Tore und wollte samt dem Volk opfern.
Als aber die Apostel Barnabas und Paulus das hörten, zerrissen sie ihre Kleider, und sie eilten zu der Volksmenge und riefen und sprachen: Ihr Männer, was tut ihr da? Auch wir sind Menschen von gleicher Art wie ihr und verkündigen euch das Evangelium, dass ihr euch von diesen nichtigen Götzen bekehren sollt zu dem lebendigen Gott, der den Himmel und die Erde gemacht hat, das Meer und alles, was darin ist. Dieser Gott ließ in den vergangenen Generationen alle Heiden ihre eigenen Wege gehen. Und doch hat er sich selbst nicht unbezeugt gelassen: Er hat uns Gutes getan, uns vom Himmel Regen und fruchtbare Zeiten gegeben und unsere Herzen erfüllt mit Speise und Freude.
Obgleich sie dies sagten, konnten sie die Menge kaum davon abbringen, ihnen zu opfern. Es kamen aber aus Antiochia und Iconium Juden herbei, die überredeten die Volksmenge und steinigten Paulus und schleiften ihn vor die Stadt hinaus in der Meinung, er sei gestorben. Doch als ihn die Jünger umringten, stand er auf und ging in die Stadt, und am folgenden Tag zog er sogar mit Barnabas fort nach Derbe. Bis hierhin, Gottes Wort.
Grundvermutungen unserer Zeit
Jede Gesellschaft und jede Zeit verfügt über ihre eigenen Grundvermutungen. Ich finde das ein ganz cooles Wort: Grundvermutung. Was meine ich damit? Es sind Dinge, Gedanken, Handlungen, von denen, wenn du die Menschen darauf ansprichst, sie einfach sagen: Bei uns in der Schweiz machen wir das einfach so, das machen wir einfach so. Man überlegt sich es gar nicht, also so wie man das Handy aus der Tasche nimmt zum Beispiel. Man überlegt sich es gar nicht, man tut es einfach – das hat jede Zeit.
Das Interessante ist, dass wir uns in einer Zeit befinden, die schon seit Jahrzehnten in einem großen Wandel begriffen ist, zumindest bei uns in Europa. Wir bewegen uns weg von einer christlichen Zeit hin in eine nachchristliche Zeit. Oder wir sind schon ziemlich weit gekommen in diesem Wechsel. Wir können eigentlich sagen: Institutionen – ich war gestern Abend auf diesem Kreuzweg da in Warendorf – die sind noch da. Ja, Gesetzgebungen, die gibt es nach wie vor. Und Werthaltungen, die wirken irgendwie noch christlich nach. Aber gleichzeitig ist der Vollzug, also was wir denken und wie wir handeln, zunehmend anders geprägt.
Die Herausforderung der nachchristlichen Zeit
Der New Yorker Pastor Timothy Keller merkte dies, als er sein erstes Buch herausgab, das er ursprünglich vor allem an Nichtchristen adressierte. Es ist auf Deutsch übersetzt: „Warum Gott?“, das kam 2008 heraus. Und was er in den Jahren danach merkte, war, dass dieses Buch nur Christen ansprach. Warum? Weil sich die Nichtchristen die Frage „Warum Gott?“ gar nicht mehr stellten. Er schrieb dann noch ein weiteres Buch, ich finde es sein inhaltlich wichtigstes. Das heißt „Glaube – wozu?“. Das schrieb er zehn Jahre später.
Und ich möchte jetzt gerne uns durch diese Predigt führen, an der Hand dieses Textes, zur Frage, die mich selber sehr beschäftigt: Wie können wir in einer nachchristlichen Zeit mit Menschen über das Tiefste des Lebens, über den Sinn, über das Innere überhaupt in Kontakt kommen?
Bevor ich diese Frage in vier Schritten beantworte, tue ich das, was ich für mich immer tue: Nochmals den Text in eigenen Worten zusammenzufassen.
Der historische Kontext: Paulus in Lystra
Wir heften uns hier an die Fersen der beiden Pioniermissionare, könnte man sagen: Paulus und seinen Begleiter Barnabas. Sie befanden sich auf der ersten Missionsreise durch die heutige türkische Provinz Konya. Das war im Jahr 47, 48 nach Christus, also etwa 15 Jahre nachdem Jesus gestorben und auferstanden war. Lukas, der den Reisebericht verfasste – damals gab es noch keine Blogs, aber wahrscheinlich wäre dies eine Blogserie gewesen, Kapitel 13 und 14 – der beschreibt nicht nur die Reiseroute, sondern er schreibt vor allem über die Verkündigung und über die Reaktionen der Menschen.
Ja, wie reisten sie damals? Sie reisten per Schiff über Zypern in die Türkei, insgesamt wohl gut 1000 Kilometer, und ab den Küstenstädten mussten sie sich – ich habe es nachgeschaut – etwa 150 Kilometer ins Landesinnere zu Fuß weiterbewegen. Immer wenn sie eine Stadt betraten, gingen sie zuerst in die Synagoge, das war so der Versammlungsraum der Juden.
Und wenn man den ersten Teil des Reiseberichts liest, dann hielten sie eine ganz denkwürdige heilsgeschichtliche Verkündigung in Antiochia, das war eine Stadt eben an dieser jüdischen Versammlungsstätte. Es gab sehr geteilte Reaktionen: Die einen waren hin und weg und wollten noch mehr hören, begannen sich zu versammeln mit Paulus zusammen. Und die anderen – es steht noch ganz genau dazu, weshalb, nämlich aus Neid, weil ihnen die Felle davonschwammen – Juden, die gingen in den Widerstand, sodass sie sogar öffentlich eigentlich einen Aufstand provozierten. Und so mussten Paulus und sein Begleiter weiterziehen.
Sie gelangten dann über Iconium nach Lystra, das ist 30 Kilometer entfernt von der nächsten Stadt, also ich würde sagen eine gute Tagesreise. Und Lystra, die Stadt, in die sie kamen, das war eigentlich keine große Stadt – dieses KI-Bild ist schon fast zu städtisch – sondern es war eigentlich ein ländlicher Außenposten, so eine Art, für diejenigen, die schon in den USA waren, so Wilder Westen quasi, wirklich Provinz, sagen wir in der Schweiz.
Es hatte keine Synagoge, aber Paulus hat sofort wieder die Aufmerksamkeit auf sich gezogen mit diesem Mann. Er sah, dass er Glauben hatte, und Jesu Kraft heilte dann diesen Mann, der sprang auf und ging umher. Und die lokale Bevölkerung war hin und weg, weil sie dachten: Jetzt sind die Götter zu uns gekommen! Also die Götter damals, das waren ja so Gottmenschen, so etwas wie Mensch, aber viel, viel mächtiger. Und sie dachten, zwei der Hauptgötter seien jetzt zu ihnen gekommen, und dann haben wir die Reaktion gelesen: Da ging der ganze Kult los.
Es gab damals wirklich – das ist auch archäologisch belegt – einen solchen Kult für Zeus und Hermes in jener Gegend, auch in jener Stadt. Und sie haben dann in ihrem eigenen Dialekt gesagt: Schaut, die Götter sind gekommen! Und dann gab es gleich eine spontane Feier. Paulus und Barnabas zerrissen ihre Kleider – das machte man damals, um das Entsetzen auszudrücken: Was passiert denn da mit uns? – und sie hielten dann eine Spontanpredigt, oder Paulus, der ja der Wortführer war. Die beschäftigt uns gleich.
Und das Interessante ist: Sie predigten, aber nachher steht gleich die Reaktion, und das ist ja des Reiseschreibers Lukas Absicht. Die Reaktion war eigentlich: Die Menschen konnten nicht vollständig von ihrem Vorhaben abgebracht werden. Ja, dann kamen Juden aus Iconium und Antiochia, wo sie eigentlich auch das Evangelium erfolgreich verkündigt hatten, und sie steinigten Paulus. Und wir lesen dann: Er stand wieder auf, dankte seinem Gott.
Erster Schritt: Rechne mit unerwartetem Interesse
Und nun möchte ich ganz gerne die Frage beantworten, an der Hand dieses Textes und auch dieser Predigt: Wie können wir Menschen in einem nachchristlichen Umfeld erreichen? Erster Schritt: Rechne mit unerwartetem Interesse. Ich finde das super. Ihr habt hier in Warendorf ein Kreuzweg gestern irgendwann, und vielleicht denkst du: Ja, was bringt das schon?
Was ich hier aus dem Text ableite, ist: Bei aller Säkularisierung, bei allem Umbruch, bei allen Diskussionen, vor allem auch über Kirche und so weiter, sind Menschen zutiefst religiös. Es gibt sogar ein Buch darüber: „Religio“, das heißt verbunden sein. Menschen suchen immer etwas, woran sie ihr Herz hängen können. Was kann ihnen dienen? Wo können sie ihre Hände hinlegen? Etwas, wo sie sagen: Wenn ich dies erreiche, wenn ich das habe, dann bin ich angekommen, dann ist mein Leben gelungen.
Und jeder Mensch hat diese Stellen. Ich glaube zutiefst daran, dass wir Menschen von Gott hergestellt worden sind als religiöse Wesen, er hat uns ausgestattet mit einem Vermögen, uns mit ihm zu verbinden. Wir sind die einzigen Lebewesen – ich habe mal eine Doku gesehen über Hunde, die für den Drehmoment in die Kirche geführt worden sind, und das passierte mit denen, die sind einfach eingeschlafen. Also nur der Mensch hat diese Fähigkeit, sich in eine Beziehung zu Gott zu begeben. Und das ist unglaublich, finde ich.
Und wenn es auch in einer nachchristlichen Kultur so ist, dass Menschen ihren Horizont nur noch auf das Diesseits beschränken, so bleibt doch diese religiöse Auslegung. Sie beten weiterhin: Liebe, Liebe ich, Geld, Macht, Erfolg, Fußball, Schokolade, was auch immer – das wird Religionsersatz. So Nachfolger Jesu, nicht wir dürfen unsere Knie beugen, wir müssen hinein. Das ist der erste Schritt.
Zweiter Schritt: Fokussiere auf das Thema Verehrung
Das zweite, was ich aus dem Text herausgelesen habe, ist: Fokussiere auf das Thema Verehrung. Es ist faszinierend, wie Paulus die Situation wahrgenommen hat. Da waren Menschen, die wollten ihm einfach Opfer bringen – sie wollten halt das Beste für diese Götter geben. Wie geht Paulus damit um? Er beginnt eigentlich gar nicht großartig mit seiner eigenen Geschichte, mit einer Heilsgeschichte – die hat er in Antiochia gemacht, das haben wir gelesen – sondern er zeigt ihnen: Hey, ihr habt die falschen Götter!
Das ist so ein wichtiger Punkt: Zu erkennen, dass Götzen, dass Götzen eigentlich ja ein komisches Thema ist in unserer Zeit. Aber ja, das sind Dinge in unserem Leben, denen wir uns unterordnen, die wir verehren, und die eigentlich nur Gott als dem Schöpfer zusteht. Und das kann, wie gesagt, Geld sein, das kann Macht sein, das kann Erfolg sein, das kann Zugehörigkeit sein, das können so viele Dinge sein.
Und diese Dinge, die wir verehren, die versprechen uns alle dasselbe: Sie versprechen uns Erfüllung, Zufriedenheit, Sinn, Bedeutung, Anerkennung. Aber sie können es gar nicht einlösen. Und das ist das Tragische daran. Und Paulus beginnt genau dort: Er zeigt den Menschen, dass ihre Verehrung auf das Falsche gerichtet ist. Das machen wir manchmal zu wenig. Wir sprechen über Jesus, wir sprechen über Vergebung, wir sprechen über Sünde, aber wir zeigen den Menschen gar nicht: Was ist es denn eigentlich, das dein Herz gefangen hält?
Und das ist, glaube ich, so ein wichtiger Punkt im Gespräch mit Menschen. Rauszufinden: Was ist es, worauf du dein Herz gesetzt hast? Was ist es, wovon du dir erhoffst, dass es dir Leben gibt? Und dann zu zeigen: Das kann es gar nicht einlösen. Das kann nur der eine wahre Gott.
Dritter Schritt: Betone Gottes Grundanspruch als Schöpfer
Der dritte Punkt: Betone Gottes Grundanspruch als Schöpfer. Paulus sagt nicht: Hey, ich habe mal ein tolles Erlebnis gehabt mit Jesus, oder: Ich kann dir mal erzählen, wie mein Leben sich verändert hat. Nein, er beginnt mit dem Schöpfer. Er sagt: Es gibt einen Gott, der den Himmel und die Erde gemacht hat, das Meer und alles, was darin ist.
Das ist so wichtig. Wir leben in einer Zeit, wo die Schöpfungslehre, die Schöpfungsfrage eigentlich aus dem Diskurs verschwunden ist. Wir sprechen über Evolution, wir sprechen über Urknall, aber wir sprechen nicht mehr über einen Schöpfer. Aber genau da beginnt Paulus. Warum? Weil der Schöpfer Anspruch auf seine Schöpfung hat. Wenn Gott der Schöpfer ist, dann gehört ihm alles. Dann gehörst du ihm. Dann gehöre ich ihm. Dann hat er das Recht, Forderungen an uns zu stellen.
Und das ist etwas, das Menschen in unserer Zeit eigentlich gar nicht mehr hören wollen. Wir leben in einer Zeit der Autonomie, der Selbstbestimmung, der Freiheit. Und dann kommt Gott und sagt: Du gehörst mir. Ich habe dich gemacht. Ich habe Anspruch auf dein Leben. Das ist hart. Aber das ist genau der Punkt, wo wir beginnen müssen. Weil ohne den Schöpfer gibt es keinen Erlöser. Ohne den Schöpfer gibt es keine Schuld. Ohne den Schöpfer gibt es keine Vergebung.
Und Paulus zeigt auch: Dieser Gott hat sich nicht unbezeugt gelassen. Er hat Gutes getan. Er hat Regen gegeben, fruchtbare Zeiten, Speise und Freude. Das heißt: Gott ist nicht nur Schöpfer, er ist auch Erhalter, Versorger. Er sorgt für uns. Und das ist etwas, das wir Menschen erleben, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen. Jede Mahlzeit, jede Freude, jede gute Gabe kommt von oben, vom Vater der Lichter.
Ich weiß nicht, wie ihr das in den Gesprächen erlebt, aber das Christsein hat immer noch diesen Touch – obwohl eigentlich die Menschen gar nicht mehr wissen, was es genau ist – immer noch diesen Touch von: Da wird mir etwas entzogen, das ist ja freudlos und so langweilig. Nein, das ist nicht alles, was Freude bereitet. Die wahre Freude kommt von dem, dem wir gehören.
Vierter Schritt: Überlass die Wirkung einem Wirkmächtigeren
Dritter Schritt: Betone Gottes Grundanspruch als Schöpfer. Viertens, ganz wichtig: Überlass die Wirkung einem Wirkmächtigeren. Das ist spannend. Ich hätte mir jetzt gedacht, nach einer so vollmächtigen Verkündigung, gekoppelt mit einer Heilung – man muss sich schon vorstellen, von jemandem, der nie gehen konnte – da wären die reihenweise umgefallen oder hätten gesagt: Paulus, klar, wir bauen nicht sofort unseren Tempel um und machen sofort einen Versammlungsraum.
War nicht so, sondern Vers 18 steht schon: Obgleich sie dies sagten, konnten sie die Menge kaum davon abbringen, ihnen zu opfern. Also irgendwie schien es nicht so ganz durchzudringen, nicht so ganz durchgedrungen. Die machen einfach weiter. Und das ist manchmal auch so frustrierend. Oder scheint Frust zu erregen, wenn wir mit Menschen in Kontakt sind, Zeit, Geld, Energie, Opfer investieren. Wir haben das Gefühl, es ändert sich nix.
Aber ich glaube, dieser Text lehrt uns etwas ganz Wichtiges: Überlass die Wirkung einem Wirkmächtigen. Es kam sogar noch dicker. Habt ihr das gelesen? Nur kurz, nachdem sie ihnen beinahe geopfert worden wären – oder vielleicht hat es sogar wirklich stattgefunden, wir wissen es nicht – kamen die Juden, und einen Tag später wurde Paulus gesteinigt.
Und das möchte ich euch ganz klar sagen: Ich werde nicht der Held sein, wenn ich mit Menschen in einer nachchristlichen Zeit in Kontakt stehe. Vom Moment der Verehrung bis zum Moment der Verachtung ist ein ganz, ganz kurzer Schritt. Und darum ist es so wichtig, dass wir sagen: Es ist nicht meine Botschaft, die gehören nicht mir. Nicht ich muss mich gut fühlen, sondern er wird wirken.
Und das Spannende – das habe ich eigentlich erst nachher entdeckt in der Vorbereitung – ist: Wenn ihr mal noch weiter blättert zu Kapitel 16, als Paulus wieder nach Derbe und Lystra kam, Kapitel 16, Vers 1: Siehe, dort war ein Jünger namens Timotheus. Die Ausleger haben sich gefragt: Was war wohl damals mit Timotheus nach dieser Predigt? Wir wissen nicht, ob er dabei gewesen war. Wir wissen, dass er eine jüdische Mutter und Großmutter hatte. Aber vielleicht ist es so gewesen, dass Paulus weiterziehen musste, gesteinigt, eigentlich wäre er tot gewesen. Vielleicht hat er sich gefragt: Was ist jetzt mit all meinem Aufwand gewesen? Aber Gott hat gewirkt, in einer ganz unerwarteten Stelle. Er hat wahrscheinlich durch diese Predigt Menschen auch aus dieser Stadt gerufen und einen sehr wichtigen Diener später: Timotheus. Sehr ermutigend.
Also wir müssen wissen: Gunst von Menschen, das ist eine sehr kurzlebige Sache. Baue nicht darauf. Es gibt einen ganz schnellen Umschlag vom Huldigen zum Hassen. Und denke nicht: Wenn du mehr Zeit investierst – nein, es geht nicht darum. Wir sind demütige Zeugen, wir stellen uns unter die Botschaft, wir sind nicht die Retter. Und das entlastet auch unglaublich.
Zusammenfassung: Vier Schritte für Alltagsmission
Also wir sehen vier Dinge: Rechne mit unerwartetem Interesse, fokussiere auf das Thema der Verehrung, thematisiere unbedingt – oder sogar beginne damit – mit Gottes Grundanspruch als Schöpfer, und überlass die Kontrolle einem Wirkmächtigen.
Persönliche Landkarte im Glaubensgespräch
Nun habe ich mich gefragt, zum Schluss, selber mir die Frage gestellt: Wie handhabst du es eigentlich? Was ist die Landkarte, würde ich sagen, Hanniel, in deinem Kopf, wenn du mit Menschen in einer nachchristlichen Zeit in Kontakt bist, für sie betest, mit ihnen Gespräche führst, mit ihnen ringst, vielleicht manchmal auch das Thema der Verehrung ansprichst? Aber das kenne ich. Das ist mein inneres eigenes Gerüst.
Ich habe eigentlich fünf Bereiche, mit denen ich überzeugt bin: Das ist so eine Grundlandkarte mit jedem Menschen, mit dem ich in Kontakt bin über den Glauben und über den Sinn des Lebens. Das habe ich immer im Kopf, das innere Gerüst. Es sind fünf Dinge, nicht von mir erfunden. Greg Gilbert, ich habe es noch etwas ergänzt.
Ein ganz wichtiges Thema in unserer Zeit ist das Thema der Wahrheit. Wir müssen wissen: Nicht wir gehen zu Gott, wir dringen durch, sondern er kommt zu uns, er zeigt sich, er offenbart sich, er spricht. Ganz, ganz wichtig für Menschen unserer Zeit. Das Zweite ist die Empfänglichkeit. Wir Menschen haben ein Moralgesetz, würden die Theologen sagen. Wir haben eine innere Instanz, einen inneren Sender, der anspringt. Das ist unglaublich wichtig: das Thema der Wahrheit.
Das zweite Thema, was ich eigentlich mit allen ziemlich am Anfang bespreche, ist der Gottestotalanspruch und die Konkurrenz durch Götzen. Unglaublich wichtiges Thema. Für viele ein absolutes – für viele stoppt es an diesem Thema, stoppt es meistens. Nein, das werden sie nicht anerkennen: Gottestotalanspruch.
Das Dritte ist die menschliche Größe und das menschliche Elend. Beides: Die Begabung, die Entwicklung, das Potenzial und gleichzeitig das Elend im Leben jedes Menschen, auch von mir selbst.
Das vierte Thema ist Jesus. Jesus nicht einfach als Vorbild oder irgendeinen guten Lehrer, sondern als Gottmensch, der stellvertretend sich als Opfer in Raum und Zeit gegeben hat. Darum war es mir heute so wichtig, das auch einzubetten. Ich wollte nicht nur sagen, das ist eine schöne Geschichte, sonst ist es Stand. Die hat stattgefunden, Jahr 47, 48 nach Christus in der Türkei.
Und das Nächste ist dann – und da tue ich mich oft schwer – den Menschen auch mal zu einer Stellungnahme herauszufordern. Wisst ihr, die Predigt war einem Falle ein Aufschrei, ein Aufruf: Mann, mach nicht so weiter! Kehre um! Sehr wichtig. Es gibt nur zwei Arten von der Antwort: Ja oder Nein. Einige würden mir sagen: Noch nicht. Das ist auch eine Antwort. Entschuldigung, noch nicht – nicht ist ein Nein.
Abschlussgebet
Wir beten.
Jesus, danke vielmals, dass du diese Gemeinde hier in Warendorf ins 21. Jahrhundert hineingestellt hast. Diese Gemeinde hier. Ja, es sind vielleicht 300 Menschen von 37.000. Und gleichzeitig sind wir überzeugt, es ist kein Zufall, dass du uns genau hierhin gestellt hast. Jeder, wo er oder sie ist: Kindergarten, Schule, Ausbildung, Arbeitsplatz, Nachbarschaft. Manchmal gehört ja auch das Netzwerk dazu, das soziale Netzwerk über das Netz. Auch das gehört dazu. Ja, genau dort hast du uns hineingestellt.
Wir bitten dich, fache du unsere Zuversicht an und zeige uns Menschen. Zeige uns aber zunächst unser eigenes Herz. Vater, wir bitten dich, dass wir bessere Götzendetektive werden. Und wir bitten dich von ganzem Herzen, dass du als Schöpfer und Erhalter, Versorger und Freudenstifter, auch hier Menschen zu dir führst in dieser Stadt. Zuallererst aber uns veränderst, die Freude an dir stärkst.
Und das bitten wir dich jetzt auch, dass wir einander ermutigen dürfen auf dem Weg dir nach, durch Warendorf oder wo wir uns sonst immer aufhalten – aufhalten und manchmal auch aushalten müssen, ja. Danke für deine Gegenwart, für dein Wirken heute und in der nächsten Woche. Amen.

