Thema: Der Engel und die Jüngerin
Prediger: Declan McMahon
Datum: 23.11.2025
Der Engel auf dem Weg nach Nazareth
Letztes Mal waren wir in Jerusalem im großen Tempel mit Zacharias, dem Priester. Heute sind wir ganz weit weg von diesem Tempel im Norden Israels, in Galiläa, in Nazareth. Ein völlig unbedeutender Ort, vor allem im direkten Vergleich zu Jerusalem mit seinem großen Tempel. Zacharias war ein Engel erschienen, der ihm die Geburt eines Sohnes angekündigt hat. Und jetzt sind wir im sechsten Monat dieser Schwangerschaft. Und der Engel zieht wieder los.
Wir sind in einer Reihe durch das Lukasevangelium, Lukas 1. Im sechsten Monat aber wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt Galiläas namens Nazareth gesandt. Also ein Engel ist wieder unterwegs. Engel heißen in der Bibel Söhne Gottes. Die Bedeutung von diesem Begriff Söhne Gottes ist eigentlich einfach himmlisches Wesen oder geistliches Wesen. Das ist nicht hier so gemeint wie eine Abstammung, sondern das ist, was sie ausmacht. Sie sind wie Gott, deswegen heißen sie Söhne Gottes. Inwiefern sind sie wie Gott? Sie sind da oben im Himmel. Sie sind geistliche Wesen ohne Körper.
Und so einer kommt jetzt. Es gibt in der Bibel so etwas wie einen Hofstaat dieser Wesen. Stellt euch Gott vor als König. Er ist ja auch der König in seinem Schloss. Und seine Prinzen und Fürsten, die versammeln sich immer wieder zu ihm, sein Hofstaat. Das sind die Söhne Gottes. Wenn Gott so ein himmlisches Wesen auf die Erde schickt, um eine Botschaft zu übermitteln, dann nennt die Bibel das einen Engel. Engel ist dabei einfach das hebräische Wort beziehungsweise das griechische für Bote.
Lukas und die Engel
Und so einer ist jetzt hier. Der ist auf dem Weg nach Galiläa, nach Nazareth. Und für Lukas, wenn der erzählt, für ihn sind Engel scheinbar wichtig. Zum Beispiel im Vergleich zum Markusevangelium. Markus kommt fast ohne Engel aus beim Erzählen. Der erzählt, wie die Engel Jesus nach seiner Versuchung in der Wüste dienen, wahrscheinlich mit Brot zum Essen. Und dann sagt er nichts mehr über Engel. Und am Ende des Markusevangeliums, wo ein Engel im leeren Grab sitzt, da sagt Markus nicht mal, dass es ein Engel ist. Der redet von seiner Kleidung und so weiter, von einem jungen Mann.
Aber Lukas, der erzählt dauernd von Engeln. Letztes Mal ist Zacharias ein Engel erschienen. Heute kommt gleich ein Engel zu Maria. In der Apostelgeschichte gibt es lauter Engelsgeschichten. Engel sagen den Aposteln, dass Jesus wiederkommen wird, so wie er von ihnen gegangen ist mit den Wolken. Ein Engel führt Petrus aus dem Gefängnis heraus. Ein Engel begegnet Paulus auf hoher See in seinem Schiff. Und ein Engel tötet Herodes Antipas, den bösen König in der Apostelgeschichte. Also Lukas erzählt gerne Engel-Geschichten.
Warum eigentlich? Wenn es stimmt, dass der Theophilus, an den Lukas seine Bücher schreibt, wenn das tatsächlich dieser ehemalige hohe Priester Theophilus wäre, dann wäre das spannend, weil die Priester, die Sadduzäer, also auch Theophilus, gar nicht an Engel geglaubt haben. Dann wäre das hier so ein Weckruf an ihn mit den ganzen Engeln in seinem Evangelium. Doch Theophilus, es gibt Engel. Und wenn du wirklich Interesse an Jesus hast, dann musst du deinen Horizont hier weiten lassen und mehr sehen.
Der Glaube an das Übernatürliche
Und das ist auch heute noch bei uns so. So gut wie niemand in unserer Gesellschaft glaubt mehr an Engel. Und auch in den Gemeinden ist es ganz oft so, dass wir gar nicht mit Engeln rechnen. Wenn da jemand sagen würde, mir ist ein Engel begegnet, das würde uns schon nervös machen als Gemeinde. Es kommt vielleicht darauf an, wer es sagt oder so. Und ein paar Fragen hätte man schon an diese Geschichte.
Wir haben als westliche Gesellschaft das Übernatürliche versucht loszuwerden. Und dann glaubt man höchstens noch an ein himmlisches Wesen, an ein geistliches Wesen, an Gott. Wenn die Welt das abschafft, dann ist das weltlich, das abzuschaffen. Diese Vorstellung einer unsichtbaren Welt.
Wenn du vielleicht auch Besucher bei uns bist heute, oder ein bisschen skeptisch noch, was den christlichen Glauben angeht, was unsere Religion angeht, aber gleichzeitig neugierig, was ist das, warum sind hier so viele Menschen, warum schlagen wir immer wieder die Bibel auf, warum dreht sich hier alles um diesen Jesus, dann bist du wahrscheinlich gleichzeitig noch, auch wenn du offen bist für den Glauben, total verwurzelt in dieser Gesellschaft, die sagt, nein, so etwas gibt es alles gar nicht. Es gibt nur das, was du mit deinen Sinnen wahrnehmen kannst.
Aber dann überleg mal: Du glaubst ja offensichtlich schon irgendwie an Gott. Sonst wäre es ja etwas absurd, hier zu sein, im Gottesdienst. Aber dann will ich dich fragen: Du glaubst ja an ein unsichtbares, übernatürliches, geistliches, himmlisches Wesen. Dann ist diese Kategorie ja schon da für dich. Warum glaubst du dann nicht an ganz viele unsichtbare Wesen, die unsichtbar sind, aber trotzdem real?
Eine ganz unerwartete Mutter
Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt Galiläas namens Nazareth gesandt. Nazareth ist ein kleiner Ort, ländlich, da ist die Welt sozusagen noch in Ordnung, ist arm, aber nicht am Verhungern. Jeder kennt jeden, das sind Arbeiter, Handwerker. Da gibt es nicht so die Elite mit ihrem ausländischen Kram, oder mit ihrer griechischen Kultur, sondern das ist bodenständig bis zum Geht-nicht-mehr. Ungefähr 20 bis 50 Häuser hat man da entdeckt, wahrscheinlich 200 Leute, die da leben.
Ganz anders ist eine Stunde zu Fuß entfernt eine Stadt namens Sepphoris, die ist total weltlich. Da ist die Welt sozusagen von außen dazugekommen, hat sich diese Stadt gebaut mit 10.000 Einwohnern, mit ganz viel lukrativen Aufträgen für Handwerker aus Nazareth zum Weiterbauen. Ein großer Marktplatz, ein Theater, also ein weltlicher Veranstaltungsort, größere Häuser und Händler aus aller Welt mit allem, was dann so mitkommt, in dieses kleine Nest in die Nachbarschaft von Nazareth. Aber der große Engel Gabriel, der kommt von Gott aus seinem Königssaal in ein kleines verschlafenes Nest Nazareth.
Im sechsten Monat aber wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt Galiläas namens Nazareth gesandt, zu einer Jungfrau, die verlobt war mit einem Mann namens Josef aus dem Haus David. Und der Name der Jungfrau war Maria. Und der Engel kam zu ihr herein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadigte. Der Herr ist mit dir, du Gesegnete unter den Frauen. Als sie ihn aber sah, erschrak sie über sein Wort und dachte darüber nach, was das für ein Gruß sei. Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast Gnade bei Gott gefunden.
Was Gnade bedeutet
Jungfrau meint hier ganz einfach, dass Maria noch keinen Geschlechtsverkehr gehabt hat. Sie ist aber verlobt mit diesem Mann Josef. Ich sage das nur, weil man das heutzutage auch wirklich dazu sagen muss. Maria ist immer noch eine Jungfrau, auch nach 2000 Jahren und bei all der Bibelkritik, die es vielleicht sonst gegeben hat in der Zwischenzeit. Nichts hat daran gerüttelt, es steht halt da.
Zu ihr kommt Gabriel. Er sagt ihr: Sei gegrüßt, du Begnadigte. Und du hast Gnade bei Gott gefunden. Gnade ist Gottes Hilfe für Menschen, die keine Hilfe verdient haben. Die in einer Lage sind, wo sie Hilfe brauchen, aber sie sind eigentlich selber schuld. Das ist, was Maria gefunden hat. Gottes bedingungslose Hilfe. Sein Eingreifen und sein Wirken.
Das Skript der Ankündigung
Es gibt ein Skript für das, was hier abläuft: Ein Engel erscheint und redet von Babys. Im Alten Testament gibt es das immer wieder, diese Geschichte. Das ist die große Geschichte: Es wird jemand ganz Besonderes geboren werden, wie bei Isaak oder Simson oder anderen. Und die Betonung bei diesen Geschichten liegt nicht auf den Eltern. Sie liegt auf dem Kind, das versprochen ist, als Erfüllung von Gottes Verheißungen.
Hier ist die Betonung auch nicht auf Maria. Ich werde viel über Maria reden, aber es geht eigentlich nicht um sie. Sie ist in Lukas 1 nichts Besonderes. Das ist vielleicht ganz anders, als man das von der katholischen Theologie zum Beispiel kennt, wo sie sehr, sehr besonders ist. Aber die Betonung hier ist auf Jesus. Jesus ist jemand ganz Besonderes, will Lukas erzählen, indem er so erzählt, wie er hier erzählt.
Das Skript geht so: Erstens, Gott oder ein Engel kommt und erscheint einer Person. Hier erscheint Gabriel Maria. Zweitens sieht man dann die Reaktion der Person auf diese Erscheinung. Maria erschreckt sich und denkt nach über das, was der Engel sagt. Drittens sagt der Engel dann so gut wie immer: Fürchte dich nicht. Dann kommt viertens diese Ankündigung der Geburt.
Maria als ideale Jüngerin
Der Engel sagt etwas für Gott und es fällt in ihr Herz und bringt dort gute Frucht hervor. Sie nimmt es auf mit einem Herzen, das bereit ist, Gottes Wort mit Glauben zu empfangen, und bringt dann Frucht mit Geduld. In Lukas 11 sagt eine Frau über Maria: Gesegnet ist die Frau, die Jesus gestillt hat. Und Jesu Reaktion darauf ist: Gesegnet ist die Frau, die Gottes Wort hört und tut, wie Maria.
Also Maria ist eine ideale Jüngerin, sie ist wie der Prototyp des christlichen Gläubigen im Lukasevangelium. Und Theophilus und wir sollen merken: Das ist Jüngerschaft, das Wort Gottes hören und ihm glauben. Christsein bedeutet Gottes Wort zu hören und festzuhalten im Herzen und Frucht zu bringen mit Geduld und Ausdauer. Sie hört Gottes Wort von Gabriel, glaubt es und ergibt sich diesem Wort. Mir geschehe nach deinem Wort.
Jüngerschaft und Nachfolge bedeuten Hingabe an Gott und an seinen Willen. Das ist die Essenz von Jüngerschaft und Nachfolge, die wir hier sehen können bei Maria. Das heißt, wenn du katholisch geprägt bist, ich nehme dir nichts weg, wenn ich so über Maria rede, wie ich es getan habe. Im Gegenteil, ich gebe dir eine Maria, die du vielleicht vorher nicht hattest, eine Maria, die eine Jüngerin ist wie du und eine Person, die dir als Vorbild dienen kann.
Mutterschaft als Berufung
Und jetzt kommt, was ist ihre Rolle, wo sie am meisten aufblüht als Jüngerin? Wo sie am meisten sich Gott hingibt und am stärksten gebraucht wird? Es ist das Kinderkriegen. Maria ist eine Jüngerin und sie kriegt ein Kind. Wenn du durch die antiweibliche pseudo-feministische Propaganda unserer Zeit gefesselt bist, dann lass dir heute von Maria diese Fesseln durchschneiden und sei frei davon.
Mit all diesen Emotionen und Spannungen rund um das Thema Geburt und Kinder sitzt Maria da und ist unsicher und ergeben zugleich. Das ist Jüngerschaft und Nachfolge. Unsicher und ergeben. Unsicher bleibt man bis zum Ende seines Lebens. Und ergeben kann man jeden Tag werden, dem Wort Gottes und dem Vater im Himmel, der auf einen aufpasst. Das ist Jesus-Nachfolge.
Für die meisten Frauen auch heute wird Jesus-Nachfolge bedeuten, dass sie Kinder großziehen. Nicht für alle, aber vielleicht für dich. Wir dürfen uns dieses Thema nicht madig machen lassen von den griesgrämigsten Meinungsmachern unserer Gesellschaft, die das einfach nicht genießen können. Kinder sind ein Segen. Hausfrau und Mutter zu sein ist ein Segen. Nicht eine schlechtere Alternative zum Arbeiten gehen.
Nazareth oder Sepphoris?
Maria lebt in Nazareth, nicht in Sepphoris, in dieser weltlichen Nachbarstadt. Die steht für beruflichen Erfolg und Reichtum und Erfüllung und teuren Urlaub und Konsum. Es ist ja super, wenn du einen Beruf ergreifst und ihn auch mit deinem ganzen Einsatz auslebst, um etwas beizutragen und Gutes zu tun oder um deine Jesus-Nachfolge in deiner Arbeit auszuleben oder auch vielleicht einfach, um deine Familie so zu ernähren, das ist super.
Aber du lebst in Sepphoris, du bist weltlich, wenn du nur arbeitest, um noch mehr konsumieren zu können. Das ist das weltliche Karussell. Kauf mich, nimm mich auf, konsumiere mich. Nur ich kann dich erfüllen. Und du sitzt da und drehst dich und drehst dich und drehst dich darum, die Dinge dieser Welt zu genießen. Und dann vergleichst du dich mit anderen, die mehr haben und bist immer noch unerfüllt.
Mach es wie Maria. Sie wird Mutter. Es ist eine Lüge unserer Zeit, dass Mutter sein etwas anderes als maximal erfüllend ist. Hab keine Angst. Es ist natürlich so, dass es dich viel kosten würde. Und dir viel nimmt. Eine Prophetin kommt zu Maria in Jerusalem im Tempel und sagt ihr: Dir wird noch ein Schwert durch das Herz gehen wegen dieses Kindes. Und die hat das dabei auf dem Arm. Aber Maria sagt dazu: Ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe nach deinem Wort. Wird der Herr so ein Vertrauen im Stich lassen? Wenn du ihm vertraust, wird er bei dir sein. Er wird dich nicht im Stich lassen. Er wird dich mit Sinn und mit Erfüllung beschenken, auch darin.
Bei Gott ist kein Ding unmöglich
Wenn dir dieses Thema schwer fällt, dann erstens bitte verzeihe mir, wenn ich da irgendwelche nicht offenen Türen einrenne, das ist nicht mein Ziel. Vielleicht denkst du, mit dir stimmt etwas nicht. Warum ist es für mich so schwer? Wie kann das sein? Mit dir stimmt alles. Mit dieser Gesellschaft stimmt etwas nicht. Sie verwirrt uns bei diesem Thema, bei vielen Themen.
Vielleicht empfindest du das als etwas, das du gar nicht schaffen kannst. Es ist unmöglich, dass ich eine gute Mutter werde. Hör, was der Engel sagt: Bei Gott ist kein Ding unmöglich. Bei Gott ist es nicht unmöglich. Im Gegenteil, es macht ihm Freude.
Also Maria macht es dir vor, sie ist eine Mutter, die dem Wort Gottes vertraut. Eine Jüngerin und eine Mama. Ich will auch allen Mamas Mut machen: Wenn du erschöpft bist und es sich sinnlos anfühlt und es ist schon wieder alles gleichzeitig. Es lohnt sich. Es ist Jüngerschaft. Das ist Nachfolge, was du da machst. Du folgst deinem Herrn Jesus nach, indem du das machst, was er dir jetzt gegeben hat. Für jetzt. Es ist nicht für immer und alle diese Dinge wandeln sich auch.
Maria und Josef als Augenzeugen
Maria sagt: Mir geschehe nach deinem Wort. Was sie damit sagt ist: Ich bin dabei. Ich mache das. Aber der Punkt ist: Sie gehorcht nicht, um Gnade zu bekommen, sondern weil sie Gnade gefunden hat. Das ist, was sie dazu befähigt, in ihrem Leben das zu tun, was Gott ihr persönlich gesagt hat. Das heißt nicht, dass Gott dir jetzt sagt, dass du jetzt Kinder bekommen sollst. Das ist nicht die Intention dieses Textes oder dieser Predigt.
Maria und Josef zusammen sind hier zwei von diesen Augenzeugen, von denen Lukas in seinem Vorwort geredet hat. Maria ist hier in Lukas 1 die einzige, die das mitbekommt. Sie ist bei sich zu Hause scheinbar und ein Engel kommt einfach dazu. So ist sie die Quelle für Lukas‘ Erzählung hier. Sie ist die Augenzeugin dafür, dass ihr Sohn nicht von ihrem Verlobten, sondern von Gott kommt.
Im Matthäusevangelium ist es übrigens genau anders herum. Matthäus konzentriert sich auf Josef. Da ist Josef der Vorzeige-Jünger, der alles macht, was Gott ihm sagt. Er ist es, der als Zeuge dafür einsteht, dass Jesus Gottes Sohn ist. Das heißt, es gibt ein Ehepaar, das damals zeitnah, öffentlich, sogar schriftlich, dafür einsteht, dass ihr Kind der Sohn Gottes sein soll. Die haben sich das getraut, das öffentlich zu sagen. Und wir sagen es heute auch.
Was machst du mit diesen beiden Augenzeugen? Du kannst sie ja nicht einfach so von der Hand weisen, wenn du deinen eigenen Verstand ernst nehmen willst. Wenn dich dieses Thema bewegt, dann mach ich dir Mut: Geh in eine unserer Kleingruppen, die die Predigten nachbesprechen. Da kannst du auch diskutieren darüber. Du kannst deine Fragen loswerden, du kannst in den Austausch kommen mit anderen.

