Thema: Einheit mit Christus
Prediger: Andreas Dück
Datum: 31. August 2025
In Christus sein – eine unsichtbare Wirklichkeit
Wenn man heute Menschen anruft, dann macht es Sinn zu fragen: „Wo bist du gerade?“ Man kann jemanden an der Supermarktkasse erwischen, beim Gespräch, beim Essen oder beim Autofahren. Manchmal fragt meine Frau Sophia mich: „Wo bist du gerade?“ – nicht beim Telefonieren, sondern weil sie merkt, dass ich mit meinem Kopf ganz woanders bin als mit meinen Füßen. Sie wünscht sich, dass ich da bin, wo ich auch körperlich bin, nicht in meinem Gedankenpalast, nicht in der Vergangenheit oder in der Zukunft.
Wenn man Paulus fragen würde „Wo bist du gerade?“, würde er eine merkwürdige Antwort geben: „In Christus.“ Man kann in einem Boot sein, in einem Flugzeug, vielleicht sogar im Beutel eines Kängurus – aber kann man in Christus sein? Wie soll das gehen? Ist das eines dieser abgehobenen, esoterisch anmutenden Gedankenspiele?
Die Wahrheit, die wir als Christen täglich erleben, beschreibt Paulus so: Wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen. Das bedeutet, dass wir unser Leben führen in einer Welt, die nicht nur sichtbar ist, sondern auch unsichtbar. Wir kommen zusammen in diesem Gottesdienst, weil wir sehen wollen, was das wirklich Wichtige ist. Und das ist merkwürdigerweise nicht das, was wir sehen, sondern das Unsichtbare. Wir treffen uns hier, um Jesus besser kennenzulernen und um die Wirklichkeit, in der wir leben, zu verstehen.
Das machen wir auch in der nicht-christlichen Welt. Hast du vielleicht vor kurzem einen Podcast gehört zum Thema Erziehung? Oder einen Artikel gelesen zur politischen Situation der Europäischen Union? Hast du Wirtschaft studiert oder Psychologie? Dann beschäftigst du dich mit unsichtbaren Dingen, die man nicht greifen kann, aber die trotzdem da sind. Wir sind sogar süchtig danach, besser zu verstehen, was das Nicht-Sichtbare ist hinter dem, wie Menschen und Gesellschaften so sind.
Die geistliche Reise – vom Anfang bis zur Ewigkeit
Stell dir vor, wir könnten eine Brille aufsetzen und die unsichtbare Welt würde sichtbar werden. Wir würden all diese Fäden und Zusammenhänge auf einmal sehen und greifen können. Gehen wir ganz an den Anfang: Da würden wir sehen, wie Gott diese Welt geschaffen hat. Da ist der Schöpfer Gott, der alles macht.
Dann scrollen wir weiter zu einem entscheidenden Moment, wo der Mensch, den Gott gemacht hat, sich gegen Gott wendet. Diese Abwendung von Gott ist so ein Erdbeben, dass die Risse von diesem Erdbeben sich bis heute durch unsere Wirklichkeit durchziehen. Es gibt nichts in unserer Gegenwart, was wir nicht erklären können ohne diesen monumentalen Riss.
Wir scrollen weiter und kommen zu dem Moment, wo der unsichtbare Gott in die sichtbare Welt eintritt. Jesus ist in dieser Welt. Er stirbt am Kreuz. Wir sehen, wie die Sünden, die wir getan haben, in ihm aufgelöst werden und ungültig sind. Sie spielen keine Rolle mehr vor Gott. Wir sehen nicht nur seinen Tod, wir sehen die Auferstehung und dieses neue Leben. Dieses neue Leben ist nicht etwas, was man wie eine Tablette weiterreichen kann, sondern dieses Leben ist in Jesus selbst.
Wenn wir diese Reise fortsetzen in die Zukunft, würden wir eine Welt sehen ohne Schmerz, ohne Tod, ohne Furcht, ohne Risiko – und unsere Augen sehen Jesus. Wir sehen Gott in seiner Liebe und Herrlichkeit. Aber das geht noch nicht. Wir müssen wieder zurück ins Jahr 2025, wo wir leben. Noch sehen wir diese Dinge nicht. Wir leben im Glauben, noch nicht im Schauen.
In Christus – was die Bibel sagt
Das, was uns durchträgt auf dieser Reise zur ewigen Wirklichkeit, ist das, was die Bibel „in Christus“ nennt. Diese Beschreibung kommt im Neuen Testament etwa 100 Mal an ganz unterschiedlichen Stellen vor.
Paulus sagt: „Darum, ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden.“ Hier wird von Menschen gesprochen, die Christen geworden sind. Sie sind nicht nur mit Christus, nicht nur unter Christus dem Herrn, sondern in Christus.
Oder dieser Vers: „Es gibt keine Verdammnis mehr für die, welche in Christus Jesus sind, die nicht gemäß dem Fleisch wandeln, sondern gemäß dem Geist.“ Hier sehen wir, dass die Erlösung nicht etwas ist, was Jesus extern an uns heranträgt, sondern diese Erlösung ist in Jesus als Person.
„Denn gleichwie in Adam alle sterben, so werden auch in Christus alle lebendig gemacht werden.“ Hier sehen wir diesen Kontrast: Man kann in Adam sein oder in Christus. Zwei Zustände, die als Wirklichkeit die ganze Menschheit durchziehen. Jeder von uns ist heute gerade entweder in Adam oder in Christus. Das ist die Wirklichkeit, wie Gott sie sieht – unsichtbar für uns, aber echt.
Das ganze Leben von der Bekehrung bis zum Tod findet in Christus statt. Im Herrn wird geheiratet, im Herrn wird gestorben, im Herrn wird auferstanden. Wo immer wir wohnen, ob wir im Auto sind, im Haus, in unserer Kleidung – wir sind auch immer in Christus gleichzeitig. Das ist die Realität, wie sie ist und wie Gott uns sieht.
In Christus und unsere Identität
Wie wirkt sich das aus für unser echtes Leben? Ich möchte vier Punkte vertiefen: Identität, Sünde, Beziehungen und Schutz.
In Galater 3,26-29 lesen wir: „Denn ihr alle seid durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr in Christus hineingetauft seid, ihr habt Christus angezogen. Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Knecht noch Freier, da ist weder Mann noch Frau. Denn ihr alle seid einer in Christus Jesus. Wenn ihr aber Christus angehört, so seid ihr Abrahamssame und nach der Verheißung Erben.“
Stell dir vor, wir wären eine Zwiebel mit verschiedenen Schalen, die uns ausmachen. Die äußere Schicht besteht aus oberflächlichen Dingen: Kleidung, Auto, Wohnung. Darunter kommen Arbeit, Dienst in der Gemeinde, Rolle in der Gesellschaft. Noch tiefer: Beziehungen, Freunde, Ehepartner, Familie. Dann: Herkunft, Persönlichkeitsprofil, Körper. Ganz tief innen: unsere tiefsten Gedanken, wie wir wirklich über die Welt denken, über Gott, über die Zukunft – auch Sünden und Geheimnisse, die keiner kennt.
Wenn man auch das wegnähme, was wäre übrig? Dass wir mit Jesus vereint sind. Das kann man nicht mehr wegschälen. Das bleibt. Dieses Eins-Sein mit Jesus, in Jesus zu sein, ist tiefer als alles, was deine Persönlichkeit ausmacht. Es definiert dich von innen heraus. So neu ist das, was Jesus in dir und mir gemacht hat, als wir gläubig geworden sind. Dieses Neue durchdringt von innen heraus alle anderen Schichten.
Wer bin ich wirklich? Wenn wir daran glauben, was die Bibel über uns sagt, dann bin ich in Wirklichkeit ganz tief in Jesus. Ich bin sein Kind, Gotteskind, Teil von Gottes Volk. Das definiert alles andere. Nicht die Gene bestimmen mein Leben, nicht mein Status – sondern wer ich bin in Christus.
In Christus und die Sünde
Was heißt das, wenn ich sündige? Stell dir vor, du bist in deinem Hobbykeller oder im Auto, hast das Radio laut aufgedreht und singst mit voller Kraft. Auf einmal öffnest du die Augen und merkst: Du bist nicht im Keller, nicht im Auto, sondern in einem Konzertsaal bei einem klassischen Konzert von Brahms. Ordner kommen, um dich rauszuführen. Alle gucken dich entsetzt an. Du hast nicht gecheckt, wo du bist.
Paulus schreibt: „Haltet euch dafür, dass ihr tot seid für die Sünde, aber für Gott lebt in Christus Jesus, unserem Herrn.“ Wenn ich sündigen will und realisiere, dass ich gerade in Christus bin, merke ich: Das passt genauso wenig wie „An Tagen wie diesen“ in einem klassischen Konzert.
Was ich in Jesus bin – sein Wesen, seine Werte, sein Denken – das soll auch mein Denken bestimmen, meine Taten, meine Worte, sogar meine Gedanken. Wenn ich realisiere, wo ich bin, hilft es mir, mich auch so zu verhalten – nicht um äußerlich zu gefallen, sondern weil es einfach stimmig ist, in Jesus nicht zu sündigen.
In Christus und unsere Beziehungen
Paulus schreibt an die Epheser: „Jetzt aber, in Christus Jesus, seid ihr, die ihr einst fern wart, nahe geworden durch das Blut Christi, damit er die zwei – Juden und Heiden – in sich selbst zu einem neuen Menschen schaffe und Frieden mache.“
Wenn wir uns begegnen, ob in der Gemeinde, zu Hause, im Hauskreis, in der Jüngerschaft, zufällig im Supermarkt – da sind wir nie nur wir beide. Es ist gleichzeitig auch in Christus. Ich bin nicht der Einzige in Jesus. Wir sind nicht alle im gleichen Boot, aber wir sind alle in einem gleichen Christus.
Heiden und Juden waren damals die zwei Pole, die am weitesten voneinander entfernt waren – religiös, sozial, kulturell. Paulus sagt: In Jesus werden die zwei allerweitesten Pole zusammengeführt. Eine Einheit entsteht, wie sie auch innerhalb der gleichen Kultur nicht möglich ist.
Wir haben unterschiedliche Referenzen für politische Parteien und Werte. Aber wenn wir in Jesus sind, haben wir Prinzipien tiefer als jedes Parteiprogramm, Grundwerte tiefer als jeder Wert einer Gesellschaft, und gleiche Ziele. In Christus zu sein hat eine echte, reale Auswirkung auf die Beziehungen, die wir pflegen.
In Christus und unser Schutz
Wovor möchtest du gerne beschützt werden? Worum betest du? Was siehst du als größte Bedrohung? Ich habe ein Zitat gelesen, das mich beschäftigt hat: „Es gibt keinen größeren Freund als ihn. Und es gibt keinen größeren Feind als ihn.“
Prüfungen, Mobbing der Kollegen, eine Diagnose, ein Unfall – das sind keine Kleinigkeiten. Sie können uns sehr packen und beschäftigen. Aber nichts davon hat die gleiche Dimension wie wenn der Schöpfer der Welt mein Feind ist.
Jesus sagt zu Petrus kurz vor der Kreuzigung: „Simon, Simon, der Satan hat euch begehrt, um euch zu sichten wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du einst umgekehrt bist…“ Hier sehen wir eine Situation, von der Petrus nichts mitbekam: In der unsichtbaren Welt versuchte der Teufel, die Seele von Petrus und den anderen Jüngern zu rauben, sie von Gott zu entfremden. Jesus ist eingeschritten und hat gebetet.
Das ist ein Beispiel dafür, wie Jesus auch gerade jetzt für dich kämpft. Das ist der Schutz, den du am allermeisten brauchst: dass dein Glaube, dein Vertrauen in Gott, nicht aufhört. Jesus bewahrt uns vor einer Menge Dinge, die wir gar nicht mitbekommen – Unfälle, die nicht passiert sind, Krankheiten, die nicht gekommen sind, Konflikte, die an uns vorbeigegangen sind.
Aber wir sind nicht im Himmel. Wir durchleben Anfechtungen, Angriffe und Schmerz. An alledem bewahrt Jesus unsere Seele. Es geht nicht um Schutz vor Situationen, sondern in Situationen. In Jesus zu sein bedeutet: Bevor etwas dich trifft, muss es durch Jesus durch. Bevor ein Wort dein Ohr erreicht, hat es ihn schon erreicht. Bevor ein Blick dich durchbohrt, hat er schon ihn durchbohrt.
Als Paulus die Gemeinde verfolgte, begegnete Jesus ihm und sagte: „Was verfolgst du mich?“ Für Jesus war das Leid, das Paulus den Christen antat, als hätte er es ihm selbst angetan. Wenn ein Schmerz dich trifft, hat er vorher schon Jesus getroffen. Nichts kann dich treffen, das nicht auch ihn treffen würde. Jeder Schmerz, jeder Angriff, jede Enttäuschung muss durch ihn hindurch. Das ist die Liebe, die dich beschützt.
Paulus schreibt: „Es gibt keine Verdammnis mehr für die, welche in Christus Jesus sind.“ Und: „Der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt, wird eure Herzen und Gedanken bewahren in Christus Jesus.“ In Jesus ist unser Herz bewahrt, unsere Gedanken sind bewahrt. Äußerlich kann alles passieren, aber der Friede, der größer ist, wird unser Herz umhüllen.
Wo bist du gerade?
Wenn du demnächst wieder mal telefonierst und deine Frau fragt „Wo bist du gerade?“ und du sagst „In Christus“ – kann das total stimmen. Es kann aber auch vom Kontext her besser sein zu sagen: „Ich bin im Supermarkt, bin in fünf Minuten da.“ Und beides stimmt.
Meine Frage ist: Wo bist du denn gerade? Du bist hier mit deinen Füßen, aber von deinem Stand her innerlich – bist du in Adam oder in Christus? Von wem möchtest du umgeben sein, wenn du morgen deinen Kollegen begegnest? Wenn du in der Schule bist und da ist dieses eine Fach, das du von tiefem Herzen nicht magst? Von wem möchtest du umgeben sein, wenn du aufwachst voller Selbstzweifel und deine Gedanken dich zermürben? Wenn Frust, Enttäuschung und Druck dich verführen wollen? Wenn du nicht eingeladen worden bist? Wenn du durch das Tal der Todesschatten gehst?
Wenn wir sehen: Ich bin in Christus – dann weitet sich unser Raum. Unsere Optionen werden mehr, unser Blick wird größer. Die Grenzen sind nicht mehr unser Gefängnis, sondern Leitplanken zum Ziel hin, das Gott mit uns hat. Wir sind keine Inselmenschen, kein Treibholz in einem Ozean, das mit uns macht, was es will – sondern geborgen in Christus.
Überleg mal, was für ein Trost in dieser Wirklichkeit liegt: nie allein zu sein, nie entwurzelt. Diese eine monumentale Wirklichkeit – ich bin in Christus – ist tiefer als jede andere Wirklichkeit. Was immer dich zum Stolpern bringen könnte: Du wirst nicht aus Jesus raus stolpern. Du bist in Christus. Wer immer ich bin – ich bin in Christus.

