Thema: Gegründet in Liebe
Prediger: Andreas Dück
Datum: 3. August 2025
Wenn die Anbetung verstummt
Eigentlich sollte Gott angebetet werden. Für viele, die im Gottesdienst sind und der Predigt zuhören, ist das irgendwie normal und selbstverständlich. Aber im Alltag, über eine sehr lange Zeit hinweg, kann es sein, dass die Erfahrung ist: Ich kann das nicht. Warum kann ich Gott nicht anbeten? Warum ist Gott nicht der Größte, nicht der Liebste, nicht die allernächste Person für mich?
Denn ich bin leer, ich bin ausgelaugt, ausgesaugt, und da ist nichts, was sich Gott hingeben oder für ihn tun könnte. Vielleicht nicht so ganz leer, vielleicht eher so eine unruhige Finsternis. Und wenn ich einmal in das Reinschaue, in die Dunkelheit, da sehe ich, dass eigentlich schon was drin ist – mehr so Müll, so kaputte Gedanken, schwarze Gefühle. Und wenn das jetzt aus dem Herzen über die Zunge, über den Mund raus sollte, das wäre keine Anbetung.
Und wenn ich so drüber nachdenke und so ein bisschen ehrlicher werde, dann müsste ich sagen: Ich kann nicht sehen, dass Gott mich liebt. Wenn ich anfange zu erzählen, was gerade so in meinem Leben los ist – da ist die beste Freundin, sie hat Krebs, da hat das Geld für dieses Jahr mal wieder nicht für einen Urlaub gereicht, aber eigentlich hätte ich den gerade jetzt so bitter nötig gehabt. Ich lese die ganzen Nachrichten von der Wirtschaft und vom Krieg, und all das macht meinen Kopf bedrohlich und voll. Ach, und aus der Gemeinde hat sich jetzt auch schon lange keiner mehr bei mir gemeldet. Ich kann nicht sehen, dass Gott mich liebt.
Und was ich auch sagen muss: Ich bin kraftlos, bin fertig. Mein Denken, mein Fühlen und mein Handeln, das ist so mehr im Überlebensmodus. Und ich bin froh, wenn der Tag irgendwie rum ist und wenn ich schlafen kann. Und was ich oft machen kann, ist mich treiben zu lassen und zu hoffen, dass ich nicht beim Treiben irgendwo zerschelle.
Der Kontrast im Epheserbrief
Der Brief von Paulus an die Epheser ist zweigeteilt. Man kann darin einen starken Kontrast sehen. Im ersten Teil beschreibt Paulus die schöne, geistliche Realität – eine wunderbare Welt mit einem Anfang, bei der Gott da ist, uns schon sieht, bevor es uns gab. Und ein Flug durch die Geschichte zeigt, wie Gott seinen übermäßigen Segen über uns ausschüttet. Paulus ist selbst so begeistert, dass die Worte nur aus ihm heraussprudeln, und dabei ist er ein Gefangener.
Aber wenn man den anderen Teil liest, so von Kapitel 4 bis 6, dann lesen wir viel von einer sehr nüchternen Realität. Wir lesen von Lügen, wir lesen von Sünden im Zorn, von Wut und Bitterkeit, vom Schreien, vom Bösen Reden und so weiter. Und das für Christen. So ein Kontrast! Wir haben hier die wunderschöne Geistlichkeit und dort eine Welt voller Hässlichkeiten.
Man entwickelt so ein Gefühl, dass der Glaube an Jesus für die einen eine Heuchelei ist, weil es ja sowieso nicht stimmt, was da steht – im persönlichen Leben. Und für die anderen entwickelt sich eine Gesetzlichkeit, bei der man ein besserer Mensch sein möchte und etwas weniger hässlich. Aber Paulus, der selbst ein Gefangener ist und echte Erfahrung hat mit ganz vielen Christen und Gemeinden, der weiß genau, wovon er spricht. Und er verbindet diese Teile mit einem Gebet zwischen dem ersten Teil und dem zweiten Teil.
Paulus beugt seine Knie
Paulus hat gerade vorher die geistliche Realität präsentiert. Und er wird gleich in die Praxis gehen und erzählen, wie das im echten Gemeindeleben mit echten Christen und Menschen so geht. Er wird die ganzen Dinge benennen und die peinlichen Themen besprechen. Aber er schaltet nicht einfach um, sondern verbindet das mit einem Gebet – diese herrliche Wirklichkeit und diese oft elende Erfahrung.
Paulus betet: „Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden den Namen erhält.“ So fängt er an. Er sieht diese schönen Wahrheiten, die wirklich wahr sind und nicht übertrieben, vor seinem geistigen Auge. Aber sie sind für Christen damals und auch für uns oft wie ein anderes Universum. Nicht unsere Erfahrung. Und sie und wir, wir brauchen Hilfe.
Was Paulus macht, ist: Er beugt seine Knie vor dem Vater. Und wir können regelrecht sehen, wie er beim Schreiben des Briefes eine Pause macht, auf die Knie geht und dann dieses Gebet spricht. Gott, der Vater, der unser Vater geworden ist und der Herrscher ist über allem.
Die Bitte um Stärkung
Dieser Vater hat schon so viel getan. Er hat die Gläubigen vor Ewigkeit im Visier gehabt. Er hat sie gesehen und vorbereitet. Er hat seinen Sohn in die Welt gesandt, damit er sich für sie opfert. Er hat den Heiligen Geist gesandt, damit er die Gläubigen versiegelt, beschützt, sich um sie kümmert. Hat dieser Gott nicht schon genug getan? Sind nicht wir endlich mal dran, etwas zu tun?
Nein, Paulus bittet, dass Gott nun wieder etwas tut. Und zwar in dem Herzen des einzelnen Christen und der Gemeinde, die nun da ist und die ihn braucht. Gott soll ihnen etwas geben. Würdest du sagen, dass die Lösung der Not, die du siehst, oder die Not deines Bruders, deiner Schwester, im Beten liegt? Eine innere Überzeugung, dass der himmlische Vater aktiv wird, wenn ich auf die Knie gehe und bete – ist er nicht etwas weit von unserer Welt entfernt? Nein, er hat nicht nur damals vor 2000 Jahren seinen Sohn in die Welt gesandt. Er ist hier, auch in dieser Zeit.
In letzter Zeit habe ich mir die Frage öfter gestellt, was das Beten denn wirklich ausmacht, und muss das auch wieder durchbuchstabieren. Und dabei merke ich genau, dass es nicht darum geht, die richtigen Antworten zu geben. Denn wir kennen die richtigen Antworten – alle wissen, dass Beten natürlich immer richtig ist. Aber eine innere Überzeugung und ein Klammern daran, dass, wenn ich jetzt bete, sich eine Wirklichkeit verändert, weil Gott aktiv wird.
Der innere Mensch und Christus in uns
Was Paulus bittet, ist, dass Gott sie stärkt: „Dass er euch nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit gebe, durch den Geist mit Kraft gestärkt zu werden an dem inneren Menschen, dass der Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne.“ Der innere Mensch soll gestärkt werden. Wer ist denn der innere Mensch? Das ist unser unsichtbares Ich, unser wahres Wesen, das, was Gott sieht, wenn er uns anschaut. Nicht die Fassade, nicht die Maske, sondern das, was wirklich in uns drin ist.
Und Paulus bittet, dass Christus durch den Glauben in unseren Herzen wohnt. Das ist mehr als nur ein Bekenntnis. Das ist eine lebendige Realität, dass Jesus Raum einnimmt in unserem Inneren. Nicht nur ein Gast, der mal vorbeischaut, sondern einer, der sich einrichtet, der bleibt, der das Haus gestaltet.
In Liebe gewurzelt und gegründet
Und dann kommt dieser wunderbare Satz: „In Liebe gewurzelt und gegründet.“ Das ist das Fundament. Das ist der Boden, auf dem wir stehen. Nicht unsere Leistung, nicht unsere Frömmigkeit, nicht unsere Stärke – sondern die Liebe Gottes. Gewurzelt wie ein Baum, der tief in die Erde greift und dadurch Stürme übersteht. Gegründet wie ein Haus, das auf Felsen gebaut ist.
Diese Liebe ist nicht nur ein Gefühl. Sie ist eine Realität, eine Kraft, eine Wahrheit, die trägt. Und Paulus betet, dass wir diese Liebe begreifen – ihre Breite und Länge und Höhe und Tiefe. Dass wir die Liebe Christi erkennen, die doch alle Erkenntnis übersteigt.
Die unbegreifliche Dimension der Liebe
Wie kann man etwas erkennen, das alle Erkenntnis übersteigt? Das ist ein Paradox. Aber genau das ist die Liebe Gottes. Sie ist größer als unser Verstand. Sie ist weiter als unser Horizont. Sie ist tiefer als unsere tiefsten Abgründe. Und sie ist höher als unsere höchsten Träume.
Und mir fällt das schwer zu begreifen, wie Dinge in meinem Leben mit Gottes Liebe vereinbar sind. Und dabei habe ich noch ein sehr harmloses Leben, würde ich sagen. Mir fällt es schwer zu sehen, wie Gottes Liebe mit Dingen zu vereinbaren ist, die andere erlebt haben. Und weil ich an einen allmächtigen Gott glaube, fällt es mir schwer zu verstehen, warum die Dinge so sind, wie sie sind. Und auch schwer, diesen Satz über die Lippen zu bringen: Gott ist Liebe. Da merke ich, ich bin voll im Prozess.
Erfüllt werden mit der Fülle Gottes
Das Ziel dieses Gebets ist, erfüllt zu werden mit der ganzen Fülle Gottes. Was heißt das? Mein Gedankenpalast wird verändert. Die alten, verschimmelten, zerbrochenen Möbel kommen nach und nach raus. Diese verseuchten Erinnerungen, diese Gedanken, diese Gefühle werden nach und nach verwandelt. Und was kommt rein? Das, was bei Gott drin ist, das kommt auch in mich rein. Was Gott erfüllt, wird meine Erfüllung.
Mein Denken wird mehr so, wie Gott denkt – wie das Denken meines Vaters im Himmel. Meine Bewertungen werden mehr so, wie er es bewertet: die Ereignisse, die Ziele, die Methoden. Ich werde meinem Vater ähnlicher. Meine Erinnerungen werden immer mehr so, wie er sie erlebt hat. Denn ich war nicht der Einzige, der mein Leben erlebt hat. Gott hat mein Leben erlebt. Und seine Erinnerungen werden zu meinen Erinnerungen. Meine Gefühle – ich empfinde mehr und mehr wie er.
Das ist, voll zu werden mit der ganzen Fülle Gottes. Gott ist Liebe. Und das Ziel dieses Prozesses ist, dass er sagen kann: Andreas ist Liebe. Und wenn ich das so sage, läuft es mir wie ein Schauer über den Rücken. Kann man so etwas sagen? Es hört sich heftig an. Probier es mal mit deinem Namen. Wie fühlt sich das an? Aber wenn Gott Liebe ist, will er, dass wir es auch sind.
In Gottes Gedankenpalast
In Gottes Gedankenpalast findest du in seinen Emotionen und Motiven alles in Liebe getaucht. Selbst das Gericht ist nicht lieblos. Nicht eine einzige Wahrheit ist ohne Liebe, nicht eine Handlung, die nicht liebevoll ist. Und ich verstehe sehr gut, wenn du damit ernsthafte Probleme hast, weil ich habe sie auch.
Was macht dieses Ziel mit dir? Baut das Druck auf, oder ist es inspirierend? Für mich ist es beides. Und der Druck zeigt mir, da muss noch was verändert werden. Und von Gott kommt er nicht, aber es ist auch ein echter Anreiz, mehr so zu werden wie mein himmlischer Vater.
Der Weg zurück zur Anbetung
Zum Schluss passiert dann das, was eigentlich zum Schluss alle Menschen und alle Engel und alle Wesen dieser Welt tun werden. Paulus sagt es im Gebet so: „Dem aber, der weit über die Maßen mehr zu tun vermag, als wir bitten oder verstehen, gemäß der Kraft, die in uns wirkt, ihm sei die Ehre in der Gemeinde, in Christus Jesus, auf alle Geschlechter der Ewigkeit der Ewigkeiten. Amen.“
Schau dir nochmal diese Runde an, wie wir sie am Anfang hatten: Ich bin völlig fertig, ich komme nicht über die Runden. Ich müsste Gott anbeten, aber das schaffe ich nicht. Ich bin so leer und gleichzeitig so beladen, und ich sehe nicht, dass Gott mich liebt. Ich habe keine Kraft. Hier haben wir unseren Dominoeffekt nach unten – kraftlos im Kampf gegen die unsichtbare Welt. Sie macht meine Augen zu, dass ich nicht mehr sehe, dass Gott mich liebt. Und das macht mich leer und müllt mein Denken zu. Und natürlich kann ich nicht anbeten.
Aber die Reaktion darauf ist: Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater. Das ist das, was Paulus hier macht. Vater, stärke du diesen Menschen, der jetzt so fertig und so angefochten ist. Stärke du mich. Das Ziel dieses Gebets ist nicht ein stärkeres Selbstvertrauen, sondern ein stärkeres Gottvertrauen. Und wenn wir in uns schauen in diesen Problemen, werden wir nur Unten sehen. Aber wenn wir in uns schauen und Jesus darin sehen, ist das völlig okay.
Unser Herz findet Ruhe in Gott
Augustinus hat diesen Satz gesagt: „Du schufst uns auf dich hin, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.“ Stärke mich in deinem Geist, dass Jesus in mir wohnt. Und dort, wo ich sehe, dass Gott mich nicht liebt – Herr, zeig, dass du diesen Menschen in Liebe eingepackt hast, dass Jesus mehr und mehr Raum einnimmt in diesem Gedankenpalast.
Und mir wird immer mehr klar, dass diese Liebe mich hält und trägt. Ich fange an, das in meinem Herzen zu begreifen. Und dann fängt diese Realität immer mehr an zu wachsen, und der Nebel verzieht sich, und die Größe der Liebe Gottes wird mir immer klarer – auch wenn ich sie nie so ganz begreifen werde.
Und dort, wo ich so beladen bin und eher voll Müll, da breitet sich Gott in meinem Herzen aus. Und Jesus bekommt immer mehr Raum. Er verwandelt meine Erinnerungen, meine Gedanken, meine Werte, meine Empfindungen. All das wird eingetaucht in Wahrheit und Liebe. Und ich weiß nicht, ob das Stunden dauern kann oder Jahre. Aber dieser Austausch geht einfach immer weiter.
Und siehe da, ich kann Gott anbeten. Dort, wo ich es nicht konnte, kann ich es nun. Nicht einfach nur mit Worten oder mit Liedern, wobei Lieder eine der schönsten Arten sind, Gott zu anbeten. Es ist wie bei einem Kind vielleicht, das mehr und mehr begriffen hat, was die Eltern wirklich getan haben. Wenn man begreift, was da ist, und eine größere Wärme empfindet – so bei Gott, dass wir begreifen, wie groß die Liebe Gottes ist und wie wir uns ihm nahen und anvertrauen können.
Nun gibt es keinen Kontrast mehr zwischen der geistlichen Wirklichkeit und der irdischen Welt, die wir real durchleben, sondern sie ist überbrückt von Gottes Wirklichkeit in unserem Leben. Und wir können diese Brücke durch das Gebet schlagen.

