Thema: Gemeinde entdecken: Jüngerschaftsbeziehungen
Prediger: Declan McMahon
Datum: 08.06.2025
Sei stark im Evangelium
Paulus schreibt einen Brief an seinen Menti, Timotheus. Der ist Pastor in Ephesus. Ephesus war einer der ersten strategisch wichtigen Kirchen damals in der Urgemeinde. Timotheus ist da und Paulus ermutigt ihn und ermahnt ihn, in diesem Dienst am Ball zu bleiben, auch wenn es schwer wird.
Der Text aus 2. Timotheus 2, Vers 1 bis 13 sagt uns vier Dinge: Sei stark im Evangelium, vertraue das Evangelium anderen an, leide für das Evangelium und erinnere dich an das Evangelium. In Vers 2 geht es um Jüngerschaft. Jüngerschaft ist, wenn das Evangelium von einem Leben zum anderen weitergegeben wird, in Beziehungsform.
Paulus schreibt an Timotheus von Mentor zu Menti: „Du nun, mein Kind, sei stark in der Gnade, die in Christus Jesus ist.“ Gnade ist Gottes Hilfe für Menschen, die keine Hilfe verdient haben. Es gibt Menschen, die von Gott aus nichts verdient haben und für die hat er Gnade.
Das ist das Evangelium: Du bist ein Sünder. Du hast Dreck am Stecken, du bist ein hoffnungsloser Fall. Es ist so viel schlimmer, als du befürchtest. Und gleichzeitig hast du, wenn du glaubst, so viel mehr Gnade bei Gott, als du dir jemals vorstellen könntest.
Eigentlich haben wir Menschen alle nur Zorn verdient von Gott, aber wenn du an seinen Sohn glaubst, dass der für dich gestorben und auferstanden ist, dann kriegst du keinen Zorn mehr von Gott, sondern nur Gnade. Dann ist alles, was dir begegnet, seine Hilfe und seine Gnade. Gnade heißt völlige Vergebung all deiner Schuld.
Egal, wie groß sie ist, egal, was du gemacht hast, egal, wie lange oder wie oft du bestimmte Dinge getan hast, er vergibt dir, um Jesu willen, wenn du glaubst aus reiner Gnade. Das hast du nicht verdient, das wirst du auch nie verdienen und das kannst du nicht verdienen. Gnade ist ein Geschenk und dieses Geschenk empfängst du durch Glauben. Der Glaube ist praktisch die Hand, die das Geschenk annimmt.
Gnade ist so anders, dass wir Fragen bekommen: Wie geht das? Wie kann das sein? Ist das fair? Gilt das auch für mich? Paulus sagt, sei stark in der Gnade. Gnade ist für Menschen, die schwach sind oder die erkennen, dass sie schwach sind. Aber Gnade macht stark.
Wer sagt, ich bin ein Sünder und habe viel Dreck am Stecken und Gott hat mir alles aus reiner Gnade vergeben, der ist stark. Aber die eigenen Fehler, Schwächen und Makel zu verbergen, auch vor sich selbst, sie zu verharmlosen und weg zu argumentieren und sich trotzdem dann irgendwie selbst annehmen zu versuchen, statt sich von Gott annehmen zu lassen, das macht einen ganz furchtbar schwach. Das gibt keine Kraft, das nimmt den letzten Funken. Aber Gnade macht stark.
Vertraue das Evangelium anderen an
Das zweite, was Paulus sagt: „Was du von mir gehört hast, vor vielen Zeugen, das vertraue treuen Menschen an, die fähig sein werden, auch andere zu lehren.“ Jüngerschaft heißt, anderen das Evangelium anzuvertrauen, das Evangelium von dieser Gnade.
Das muss man anderen anvertrauen, weil wir uns das nicht selber nehmen können. Kein Mensch glaubt von alleine, dass Gott ihm vergeben wird. Das muss man diesen Menschen sagen. Das hat man dir gesagt und du kannst es auch sagen. Und wenn man es gesagt bekommt, in einem Rahmen, wo man weiß, der andere weiß auch, dass ich ein Sünder bin – ich habe es ihm gesagt, ich habe es ihm gezeigt, wir können es nicht mehr wegdenken – dann kommt Gnade richtig an vom Kopf ins Herz.
Leide für das Evangelium
Das Dritte, was Paulus hier sagt, ist: Leide für das Evangelium. Timotheus ist Christ und er wird leiden, weil er Christ ist. Jeder Christ, der leidet, leidet für das Evangelium. Wenn es das Evangelium nicht gäbe, dann hättest du kein Leid. Dann wärst du perfekt und es gäbe gar keine Probleme in deinem Leben. Aber du bist nicht perfekt und die Welt ist nicht perfekt. Im Gegenteil, alles ist kaputt. Und so brauchen wir das Evangelium und wenn wir leiden, als Kinder Gottes, dann leiden wir in diesem Zusammenhang.
Paulus sagt: „Du nun erdulde die Widrigkeiten als ein guter Streiter Jesu Christi. Wer Kriegsdienst tut, verstrickt sich nicht in Geschäfte des Lebensunterhalts, damit er dem gefällt, der ihn in den Dienst gestellt hat. Und wenn sich auch jemand an Wettkämpfen beteiligt, so empfängt er doch nicht den Siegeskranz, wenn er nicht nach den Regeln kämpft. Der Ackersmann, der sich mit der Arbeit müht, hat den ersten Anspruch auf die Früchte.“
Ja, Gnade macht stark, aber das heißt überhaupt nicht, dass dann alles einfach sein wird. Im Gegenteil, hier sind drei Metaphern für den christlichen Glauben und die sind alle furchtbar anstrengend: Das eine ist Krieg – ein Soldat ist ein Christ. Das andere ist ein Wettkampf – da kannst du dir olympische Spiele vorstellen. Und das Dritte ist Feldarbeit. Ein Knochenjob ist das Christsein. Es ist nicht leicht, es ist Leid, ein Christ zu sein. Weil die Welt nicht christlich ist, noch nicht. Und weil die Welt so mit uns mit gefallen ist, in der wir leben. Und weil wir selber immer noch kaputt sind und es bis zum letzten Atemzug bleiben werden.
Erinnere dich an das Evangelium
Deshalb sagt Paulus zum Schluss: Erinnere dich an das Evangelium. „Halte im Gedächtnis Jesus Christus“, sagt er. Gnade macht stark zum Weitergeben und zum Erdulden. Und wie macht Gnade dich stark? Indem du dich ständig an Jesus erinnerst und das, was er für dich getan hat. Und was das bedeutet, nämlich, dass du unendlich mehr geliebt bist, als du je zu hoffen gewagt hättest. Das macht dich stark. Für diesen Jesus lohnt es sich zu leiden.
Paulus sitzt im Hausarrest oder im Gefängnis. Er ist angekettet. Aber das Wort Gottes ist nicht angekettet, sagt er. Und es sprengt seine Ketten. Deshalb ist Paulus bereit zu leiden, sagt er, für alle Auserwählten.
Als Gedächtnisstütze bringt Paulus jetzt eine Hymne, die holt er wahrscheinlich aus dem Gottesdienst. Und er sagt, die ist glaubwürdig, die ist wahr. Was wir da singen, ist wahr: „Wenn wir mitgestorben sind, so werden wir auch mitleben. Wenn wir standhaft ausharren, so werden wir mitherrschen. Wenn wir verleugnen, so wird er uns auch verleugnen. Wenn wir untreu sind, so bleibt er doch treu. Er kann sich selbst nicht verleugnen.“
Wenn du per Glaube und Taufe mit Jesus gestorben und begraben bist, dann bist du auch mit ihm auferstanden. Und wirst mit ihm regieren, wenn er kommt. Jetzt ist er König des Universums, unsichtbar, aber am Ende sichtbar für alle. Und dann wirst auch du sichtbar werden für alle als einer, der zu ihm gehört, zu diesem König.
Jüngerschaft als Multiplikation
Allein, dass dieser Vers in so einem Kontext steht, zeigt mir: Jüngerschaft, das worum es in Vers 2 geht, das ist hier im Kontext von extrem hartem Dasein als Christ. Das Leben ist schwer, es passt nicht. Timotheus hat auch keine Zeit, um Vers 2 auszuleben. Er ist im Krieg, im Wettkampf und auf dem Ackerfeld. Und er leidet. Auch Leid ist kein Widerspruch zu Jüngerschaft. Das sagt allein der Kontext schon über dieses Thema.
Aber jetzt soll Timotheus Mentor sein für andere Männer, so wie Paulus für ihn. Paulus hat in Timotheus investiert, jetzt investiert Timotheus in andere Leute. Und auch da hört es nicht einfach auf. Er sagt: „Was du von mir gehört hast, das vertraue treuen Menschen an, die fähig sein werden, auch andere zu lehren.“
Das sieht eigentlich so aus: Paulus gibt Dinge an Timotheus weiter, Timotheus gibt sie an andere weiter und die anderen geben sie auch weiter und weiter und weiter. Das ist Multiplikation, was da passiert. Nicht Addition. Du gibst mir etwas, ich gebe es dem Nächsten – fertig. Das ist 1 plus 1 plus 1 ist 3. Das ist nicht, was Paulus beschreibt. Es geht weiter und weiter und weiter.
Das Ziel ist, dass jeder Jünger selbst weitere Jünger machen wird. So hat Gott sich das gedacht. Du bist in Gottes Augen nicht gedacht als eine Sackgasse für den Glauben, dass es mit dir aufhört. Es ist so gedacht: Du bist Teil einer Art Explosion, die immer weitergeht. Wer Jesus nachfolgt, der führt andere mit auf diesem Weg.
Es ist kein geistlicher Erfolg, wenn wir wachsen, aber wir niemandem helfen, mitzuwachsen und mitzukommen. Jeder Christ sollte sich fragen: In wen kann ich investieren? Wem kann ich helfen, weiterzukommen? Das ist, worum es geht beim Thema Jüngerschaft.
Jüngerschaft ist, das Evangelium zu bewahren und weiterzugeben an den nächsten. Vertraue das Evangelium anderen an. Und denk nicht, da geht es ja um lauter Dinge, die ich nicht weiß. Es geht auch um das Evangelium weiterzugeben, die Vergebung und die Gnade ins Herz zu hämmern, die wir alle so dringend brauchen.
Wachstum geschieht in kleinen Gruppen
Effektives Wachstum passiert einfach nicht in riesigen Gruppen, sondern in kleinen Gruppen oder in kleinen Zusammenhängen, in Zweierschaften und so weiter. Auch Jesus hat in wenige Leute ganz viel investiert. Nicht ein bisschen in ganz viele, sondern ganz viel in ganz wenige Menschen.
Welche Form hat das bei uns in der Gemeinde? Wir taufen immer, wenn wir taufen, dann sagen wir, der Täufling soll eine Taufpatenschaft machen. Das ist eine 1 zu 1 Betreuung für vielleicht 6 bis 8 Treffen, wo dieser junge Gläubige von jemandem, der weiter ist, einfach bestimmte Basics noch mal hört und vor allem die Gnade weiter vertieft in seinem Herzen.
Wir haben auch andere Arten von Mentoring und Jüngerschaft in der Gemeinde. Ältere Leiter begleiten jüngere Leiter, weil ein junger Leiter kann nichts richtig machen. Er hat keine Erfahrung, er wird ständig Fehler machen. Es wäre gemein, ihn alleine zu lassen, also wird er begleitet.
Manchmal gibt es Kleingruppen bei uns, wo ein Mentor oder eine Mentorin ein paar Jüngere um sich schart und eine kleine Gemeinschaft entsteht. Es gibt auch Begleitung von außerhalb der Gemeinde. Seelsorge im weitesten Sinn gehört dazu. Da kommt nicht jemand, der besser ist als du, sondern jemand, der dir hilft, mit ihm zusammen weiterzukommen.
Und Ehevorbereitung ist auch sehr stark bei uns in der Gemeinde. Das ist, wo ein junges Ehepaar in der Verlobungszeit vor der Hochzeit begleitet wird von einem anderen Ehepaar, nicht ein perfektes Ehepaar, sondern ein Ehepaar, das schon verheiratet ist. Das reicht nämlich schon, um ein riesiges Erfahrungsgefälle aufzubauen. Ehepaare brauchen Ehepaare. Deshalb sagen wir immer: Fangt sofort damit an. Bevor ihr verheiratet seid, gewöhnt euch daran, als Ehepaar euch Hilfe zu holen. Das hilft später ungemein.
Wie läuft Jüngerschaft praktisch ab?
Ich habe mal einige Mentoren aus unserer Gemeinde gefragt. Das ist im Prinzip immer das Gleiche. Die Leute sagen: Wir treffen uns einmal die Woche oder alle zwei Wochen und dann besprechen wir entweder ein Buch oder Bibeltexte, die wir beide gelesen haben. Es gibt Gebet, Bibellesen, Austausch, nochmal Gebet. Manche essen vorher schön zusammen, manche geben Hausaufgaben auf, manche nicht.
Ein Mentor hat gesagt: Ich erzähle, wie ich Jesus erlebt habe und was das Thema, was man jeweils bespricht, mit mir persönlich macht. Jüngerschaft bedeutet, bestimmte Inhalte zu prägen, aber vor allem einfach dein Leben mit anderen zu teilen.
Warum Jüngerschaftsbeziehungen so wichtig sind
Warum sind Jüngerschaftsbeziehungen so wichtig für eine Kirchengemeinde? Einmal, weil es das Mittel ist, das Gott sich selber ausgedacht hat, um das Evangelium weiterzugeben. Von einer Hand zur anderen sozusagen.
Niemand wächst alleine. Niemand. Das gibt es einfach nicht. Das Einzige, was es gibt, ist, dass jemand komisch wird. Weil er dachte, er ist alleine gewachsen, aber er ist eigentlich nur schief geworden dadurch. Alles, was du dir selber angeeignet hast, alleine und privat, all das wird dich sofort und auf peinliche Weise im Stich lassen, sobald du mit echten Menschen zu tun hast. Weil das alles nur Theorie war.
Aber selbst wenn jemand die kleinsten Basics gelernt hat in einer Beziehung, dann überholt er den, der die Bibel zehnmal durchstudiert hat, alleine. Geistliches Wachstum gibt es nur in Beziehungen. Und deshalb sind die Jüngerschaftsbeziehungen so wichtig.
Was passiert ohne Jüngerschaft?
Was passiert, wenn es keine Jüngerschaft gibt? Wenn es keine Jüngerschaftsbeziehungen gibt, was ist die Folge? Dann denkt sich jeder was Eigenes aus. Das führt super schnell zu Irrlehren, die den Kern des Evangeliums betreffen.
Dann denken Leute vielleicht so: Das Wohlstandsevangelium, das ist das Richtige – also der Glaube gleichgesetzt mit Erfolg, Reichtum und Gesundheit. Das ist aber super gefährlich. Das glaubt aber keiner, der einen Mentor hat, der dem sagt: Das ist eigentlich voll der Quatsch, was du da sagst oder glaubst oder versuchst auszuleben.
Genauso, wenn jemand denkt, wenn ich alleine nur für mich die Bibel lese, könnte ich das so verstehen: Ja, mir ist ja alles vergeben, dann ist ja egal, wie ich lebe. Aber wer einen Mentor hat, der wird irgendwann hören: Das ist überhaupt nicht egal, wie du lebst. Im Gegenteil, es ist absolut wichtig.
Oder Gesetzlichkeit – es kommt halt immer drauf an, was für ein Typ du bist. Manche Leute lesen alleine und das Gesetz erschlägt sie. Und sie denken: Ich muss alle Gebote erfüllen. Und dann werde ich gerettet. Aber wer einen Mentor hat, der hört dann: Das ist der schnellste Weg, verloren zu gehen, was du da gerade versuchst, weil niemand gut genug ist.
Also ein falsches Evangelium entsteht und das echte Evangelium geht verloren. Das Evangelium wird nur von Mensch zu Mensch weitergegeben. Es fällt nicht vom Himmel. Es springt nicht einmal wirklich aus der Bibel. Sondern durch Menschen, die die Bibel verinnerlicht haben.
Natürlich gibt es Ausnahmen. Gibt es mal den Fall, dass jemand ganz alleine beim Bibellesen Gnade entdeckt und dann begeistert ist und ein neues Leben beginnt. Aber der wird gegen die Wand fahren, weil er keine Beziehungen hat.
Außerdem entstehen alle möglichen einseitigen Schlagseiten, Überbetonungen von bestimmten Themen. Wenn man alleine bleibt mit seiner Bibel, dann geht es nur noch um die Endzeit. Oder manche Leute lesen in der Bibel von Propheten und Aposteln und denken: Vielleicht bin ich ja ein Prophet. Dann sagt ein Mentor: Nein, bist du nicht. Du bist ein Anfänger, kannst du dir abschminken. Das ist unbedingt, was jemand hören muss. Und keiner sagt es ihm, wenn er nicht in einer Jüngerschaftsbeziehung ist.
Keine Jüngerschaft bedeutet eigentlich am Ende keine Nachfolge. Man bleibt das Häufigste: Man bleibt Zuschauer, wenn man nicht in Jüngerschaft lebt. Deshalb ist es so wichtig. Durch Jüngerschaft werden Menschen auch abgeholt aus dem weiteren Kreis in eine Gemeinde. Jüngerschaft integriert Menschen in eine Ortsgemeinde.
Wenn Jüngerschaft schiefgeht
Natürlich kann es auch schiefgehen. Auch bei Jüngerschaft kann es geistlichen Missbrauch zum Beispiel geben. Mentoring kann problematisch werden, wenn Kontrolle oder Bevormundung irgendwie dazukommt. Ein Alarmsignal ist so ein Besitzanspruch. Mir hat mal jemand gesagt: Warum lädst du denn den zu deinem Hauskreis ein? Ich mache doch eine Jüngerschaft mit dem. Also durch die Blume: Lasst die Finger von meinem Jünger. Aber das ist nicht dein Jünger, das ist Jesu Jünger und du kannst ihn nicht festhalten.
Der Mentor ist nicht der Chef, er ist der Wegbegleiter. Und wer andere leitet, der muss selber gut folgen können, wenn er dran ist. Und die Lösung für geistlichen Missbrauch auch bei Jüngerschaft ist nicht weniger Jüngerschaft, sondern mehr Evangelium und mehr Demut und mehr Gnade.
Also es kann gefährlich sein und trotzdem braucht jede Gemeinde Mentoring und Jüngerschaft. Leute, die sich um Neue im Glauben kümmern und nicht nur um Neue im Glauben, sondern um Menschen, die in einer neuen Situation sind.
Wann ist die beste Zeit für Jüngerschaft?
Der Neue im Glauben nach seiner Bekehrung, der ist in der neuesten Situation, die er je erleben wird wahrscheinlich. Der braucht jemanden, der ihm zur Seite steht. Auch um die Taufe herum erleben wir das ganz oft so, dass Leute plötzlich auch maximal empfänglich sind für eine Jüngerschaft.
Aber auch wenn jemand zum ersten Mal mehr Verantwortung übernimmt oder ein Pärchen vor der Hochzeit, aber auch ein Ehepaar in der Krise. Die Krise ist eine neue, super herausfordernde Situation. Wenn ein Ehepaar sagt: Wir wollen jetzt nicht aufgeben, wir wollen uns helfen lassen – dann ist das Fenster der Jüngerschaft weit auf.
Genauso Eltern in der Krise. Wenn es unmöglich geworden ist mit der Erziehung, man einfach gar nicht mehr weiß, was man hier eigentlich macht. Das ist der optimale Nährboden für eine Jüngerschaft, für die Begleitung durch ein anderes Paar oder durch Menschen, die einem zur Seite stehen.
Auch jeder, der in einem Konflikt drinsteckt, ist der optimale Kandidat für Jüngerschaft. Dass er einfach einen Mentor bekommt, der von außen draufschaut. Und überhaupt jeder, der irgendwie in einem Veränderungsprozess steckt, der jetzt nicht einfach leicht ist. Bei mir, ich bin auf einer schiefen Ebene, Dinge bewegen sich, ich weiß nicht, was passiert. Das ist, was ein Veränderungsprozess ist. Warum willst du das alleine durchmachen? Warum? Lass dir doch jemanden zur Seite stellen.
Was einen guten Mentor ausmacht
Wenn jemand sagt: Ich bin jetzt angesteckt vom Gedanken, ich möchte gerne für jemanden ein Mentor sein – welche Voraussetzungen muss ein guter Mentor mitbringen? Es sind drei Sachen.
Erstens, natürlich eine eigene lebendige Beziehung zu Jesus, die du im Alltag lebst. Nicht Perfektion, sondern Beziehung. Das ist nicht dasselbe. Und dann musst du dich stark mit unserer Kirche identifizieren. So stark, dass du sagst: Ich bin hier Mitglied. Es bringt nichts, jemanden integrieren zu wollen, wenn du nicht selber integriert bist. Das wäre ja nicht seriös für den. Und dann die Bereitschaft, sich in jemanden zu investieren. Weil das kostet. Das würde ich jetzt nicht wegerklären wollen, dass das immer nur Spaß macht und nichts kostet. Es kostet was, aber es lohnt sich für die Mentoren stark.
Herausforderungen als Mentor
Wenn ich Mentor werde für jemanden, welche Herausforderungen darf ich dann erwarten? Ich habe unsere Mentoren gefragt, einige aus der Gemeinde. Und das, was sie am meisten gesagt haben, war Zeitmangel und das Thema Prioritäten. Es ist einfach schwer, beide Parteien brauchen Disziplin, um sich regelmäßig zu treffen. Und die große Anfechtung ist: Er hat abgesagt oder ich muss absagen. Oder: Gott sei Dank, wir mussten beide absagen. Aber das ist auch nicht befriedigend, wenn es Woche für Woche passiert.
Was da der Ausweg ist: Wenn ich denke, ich habe meinen Alltag und Jüngerschaft kommt obendrauf als weitere Bürde, dann wird das schwer. Aber wenn ich meinen Alltag so denke, dass Jüngerschaft zum Alltag dazugehört, dann wird es wesentlich einfacher. Irgendwas stimmt mit meinem Alltag nicht, wenn ich auf Dauer keinen Raum habe für andere, um andere zu begleiten. Und es ist genauso schief, wenn auf Dauer kein Raum ist, um mir selber helfen zu lassen.
Es ist dein Leben und du allein, nicht die Umstände, nicht die Menschen um dich herum, bestimmst, wie du deine Zeit verbringst und einteilst und was dir wichtig ist. Und das, was du machst, ist das am Ende, was dir wichtig ist.
Ich habe noch ein paar Vermutungen, die es schwer machen. Angst vor Nähe und Offenheit – Mentoring und Jüngerschaft erfordern Ehrlichkeit und dass man über Schwächen und Sünden reden kann. Viele scheuen sich davor, beide Parteien, und die Lösung ist, es einfach zu wagen. Ich verstehe, wenn du da schon mal verbrannt worden bist. Du hast dich verletzlich gemacht und es ging in die Hose. Aber das heißt nicht, dass es jedes Mal in die Hose gehen wird und dass du es deshalb nie wieder versuchen solltest.
Oder manche sagen auch: Ich weiß gar nicht, wie ich das machen soll, ich habe das selber nicht erlebt. Ich hatte nie einen, der mich begleitet hat. Aber da will ich auch sagen: Aktuell bist du trotzdem weiter als ein Neuer, einfach per Definition. Und weiter reicht auch.
Und natürlich, was uns immer abhält als Perfektionisten, ist der Stolz. Leute denken oft, sie müssen perfekt sein, bevor sie was machen. Oder hier in dem Fall, bevor sie für jemanden Mentor werden. Aber überleg mal, was du da eigentlich sagst. Du gehst davon aus, dass du fast perfekt bist. Und wenn du noch ein bisschen weitermachst, bist du perfekt genug, um Mentor zu sein. Das ist aber nicht so, sondern die Lösung ist Authentizität statt Perfektion. Selbst Paulus hat nur gesagt: Folge mir, während ich Jesus nachfolge.
Tipps für Mentoren
Wenn wir Jüngerschaft und Mentorenschaft leben, dann ist es auch schön, mal darüber nachzudenken: Wie stehe ich da, was gibt es für gute Möglichkeiten, es besser zu machen?
Für Mentoren: Bete bewusst dafür, dass Gott dir die richtigen Menschen über den Weg kommen lässt, um die du dich kümmern möchtest. Und bete auch, dass du selber der Richtige bist, dass sich das findet. Jesus hat, bevor er seine zwölf Jünger gerufen hat, also ausgesucht hat, welche nun von allen Leuten er nehmen möchte, die ganze Nacht durchgebetet auf einem Berg.
Dann setze auf Verbindlichkeit, nicht nur auf Sympathie. Damit eine Jüngerschaft gelingt, das kommt nicht dadurch, dass du einen Flow hast mit jemandem, sondern dadurch, dass ihr euch regelmäßig trefft. Das ist, wie die Jüngerschaft funktioniert. Es bringt nichts, wenn du dich super verstehst mit dem Kerl, aber ihr trefft euch nie. Das ist ja auch gar noch keine Jüngerschaft. Und da wärs besser zu sagen: Es passt vielleicht nicht 100%, aber der Termin passt und wir machen das.
Dann sei ein Vorbild, nicht ein Perfektionist. Zeige, wie Nachfolge wirklich aussieht. Mit Gnade und Reue und Wachstum. Ein Mentor darf Fehler benennen bei sich selbst. Es wäre gut, wenn am Ende der Jüngerschaft beide wissen, was die größte Schwäche des anderen ist. Das ist heilsam.
Redet über den Alltag, über eure Beziehungen und Kämpfe und Vergangenheiten und Sünden und Schritte, die dran sind, da wo ihr im Prozess seid. Es muss nicht immer alles fertig sein.
Dann zuhören. Es ist schon erstaunlich, finde ich, was ein paar gute Fragen manchmal auslösen bei Leuten, die man begleitet. Einfach die Frage: Was beschäftigt dich gerade? Und dann: Was noch? Dann kannst du für den Rest der Stunde, die ihr zusammen seid, einfach fragen: Was noch? Und da wird so viel manchmal rauskommen und da hast du selber vielleicht gar nichts mehr gesagt.
Dann das Evangelium vermitteln, nicht Regeln und Moral allein. Natürlich, manchmal muss man einen jüngeren Menschen auch ermahnen und sagen: Weißt du, du bist hier auf der falschen Spur und du musst jetzt das und das machen. Du kannst das nicht länger aufschieben. Aber wir sind eine Gemeinde. Wir sind nicht irgendwie von der Welt. Wir haben das Evangelium. Hilf deinem Menti in der Gnade Jesu zu wachsen und nicht einfach besser zu funktionieren. Sonst trainieren wir uns an: Ich bluffe hier und funktioniere und funktioniere und in Wirklichkeit bin ich am Ende innerlich ganz leer.
Jüngerschaft ist auch: Ich kehre einfach immer wieder zu Jesus zusammen. Wenn man sich achtmal trifft und jedes Mal ging es nur darum, dass man es wieder nicht hinbekommen hat, aber zusammen dann zu Jesus kommt, dann war es ein voller Erfolg, nicht ein Scheitern. Weil das Zu-Jesus-Kommen der eigentliche Fortschritt ist.
Dann ist es gut, so früh wie möglich zu vermitteln: Auch du kannst das weitergeben. Du musst nicht warten, bis du 40 bist, sondern du bist, weil du eine Jüngerschaft gemacht hast, schon weiter als jeder, der noch keine gemacht hat.
Und zum Schluss: Lass dich von der Gemeinde tragen. Wir haben ganz viele Leute, die Mentoren für andere sind. Da ist ein Erfahrungsschatz, da ist eine Ermutigungsmöglichkeit da und Gebet und unendliche Möglichkeiten, sich auszutauschen.
Tipps für Mentis
Was ist mit dem, der selber einen Mentor hat oder sucht? Als Menti gibt es auch Dinge, die man tun kann.
Sei offen und ehrlich. Auch mit deinen schlimmsten Schwächen. Es bringt nichts, wenn du die ganze Zeit um den heißen Brei redest. Du musst ja nicht im ersten Treffen gleich alles auspacken. Aber irgendwie nach dem dritten schon, finde ich. Und der eine wird noch bis zum vierten warten, aber danach machst du es halt nicht mehr. Du legst ein Fundament für deine Beziehung zu diesem Mentor und für dein ganzes christliches Leben. Was hast du davon, wenn du so tust, als wärst du besser, als du in Wirklichkeit bist?
Sei verbindlich, mach das Treffen zu deiner Priorität. Da nimmt sich einer Zeit oder eine für dich. Wenn es Hausaufgaben gibt, dann mach sie.
Sei lernbereit. Geistliches Wachstum erfordert Demut und Offenheit und auch eine Risikobereitschaft. Es bringt nichts, wenn du sagst: Ich bin mir unsicher, ob der jetzt wirklich recht hat mit dem, was er mir hier vermittelt. Das passt nicht zur Rolle, die du einnimmst, nämlich der Lernende. Der Lernende hinterfragt nicht dauernd alles, sondern probiert es aus. Und dann kann er sagen: Nee, das war doch nicht das Richtige.
Stell Fragen und nimm aktiv teil. Sei nicht nur Zuhörer, sondern sag etwas. Ich verstehe selber jeden, der eher ruhig ist und introvertiert und still. Aber es ist ja nur ein Treffen die Woche oder alle zwei Wochen. Dann spar dir das auf.
Und tu, was du lernst. Es geht ja um den Alltag und um deine Beziehung zu Gott und deinen Umgang mit den Menschen.
Und bete selber für deinen Mentor. Der ist nämlich auch, wie wir alle, nur ein Mensch und braucht Gnade und Gebet.
Warum Mentoren das gerne tun
Also ich habe unsere Mentoren oder ein paar unserer Mentoren gefragt: Warum machst du das eigentlich so gerne? Und weil wir hier in der Kirche sind, gab es dann erst die fromme Antwort: Weil es in der Bibel steht, weil das biblisch ist. Das freut mich auch dann zu hören. Aber ich will ja wissen, warum sie es wirklich machen.
Und was dicht gefolgt ist bei diesen Nachrichten war: Weil es spannend ist. Weil ich sehen will, wie Jesus wirkt, wie er Menschen verändert. Weil ich helfen will, wenn ich kann, für eine jüngere Person.
Eine Person hat gesagt: Es ist auch für mich ermutigend und ansteckend in der Jesusnachfolge. Oder jemand anders hat gesagt: Das Schöne an Jüngerschaft ist, dass man eine Person näher kennenlernt. Das bleibt nicht an der Oberfläche. Bei 200 Leuten plus hat man schnell das Gefühl, ich kenne hier keinen. Oder wir tun alle nur so, oder es ist oberflächlich. Aber in diesen Einzelbeziehungen und Kleingruppen, da passiert die Magie. Da entsteht Verbindung. Da gibt es Beziehungen.
Eine Person hat gesagt: Weil ich miterleben kann, wie sich jemand im Glauben weiterentwickelt und Teil davon sein kann, wie Gott Menschen verändert. Ist das nicht die beste Werbung, die es gibt für Jüngerschaft? Du sitzt in der ersten Reihe, du schaust Gott beim Arbeiten zu und bist sogar aktiv dabei als sein Werkzeug.
So viel zu diesem Gedanken: Vertraue anderen das Evangelium an. Das macht eine Gemeinde, ist sozusagen im Innern, wie eine Gemeinde funktioniert.

