Thema: Liebe und Vergebung
Prediger: Declan McMahon
Datum: 27. Juli 2025
Der Weg Jesu mit Schuld und Konflikten
Jesus zeigt uns in Matthäus 18 seinen Weg, mit Sünde, Konflikten, Schuld, Verletzungen und Fehlern in der Gemeinde umzugehen. Das heißt, er lässt uns nicht allein mit solchen Themen. Er hilft uns. Er hat eine Lektion an seine Jünger gehalten in Matthäus 18, und da geht er folgendermaßen vor: Er sagt erst, dass wir alle selber Demut brauchen. Wahre Größe im Umkreis von Jesus zeigt sich in einem kindlichen Glauben, dass ich mich selber klein machen kann, und auch in der Bereitschaft umzukehren.
Dann redet er über die Macht der Sünde. Wir Christen sollen zuallererst unsere eigene Sünde hassen und bekämpfen und als die größte Gefahr für uns selber sehen. Und dann sollen wir gleichzeitig andere, die auf dem Weg der Sünde sind, suchen, bis wir sie finden – wie verlorene Schafe, wie ein Hirte, der ein verlorenes Schaf sucht. Wir sollen einander suchen und zur Umkehr führen.
Dann erklärt Jesus die drei Schritte der Gemeindedisziplin. Was ist, wenn jemand dauerhaft nicht umkehren will und nicht hört auf die Menschen, die ihn zur Umkehr führen möchten? Dann soll es ein Einzelgespräch geben, wo jemand ihm sagt: Weißt du, du bist hier wirklich auf dem Weg der Sünde. Dann, wenn er darauf nicht hört, sollen Zeugen dazukommen, damit es nicht mehr die subjektive Meinung eines Freundes ist, sondern die etwas mehr objektive Meinung einer Gemeinschaft. Wenn er dann immer noch nicht hört, soll die ganze Gemeinde so objektiv wie möglich in sein Leben hineinreden – im Auftrag Gottes, nicht um zu verurteilen, sondern um den Sünder zu gewinnen.
In diesem ganzen Kapitel liegt der Fokus auf den Menschen, die man gewinnen will – nicht auf Bestrafung, sondern auf Rettung und Wiederherstellung und echter Versöhnung.
Das Gleichnis von der Barmherzigkeit
Am Schluss hat Jesus noch ein ganz starkes, langes Gleichnis, das er als Punkt setzt, um zu sagen: So soll es nicht sein bei uns Christen. In diesem Gleichnis geht es um Barmherzigkeit – oder um mangelnde Barmherzigkeit. Barmherzigkeit ist Hilfe für Menschen, die Hilfe brauchen, aber sich selber nicht mehr helfen können. Das ist, was ein Notfallsanitäter macht, wenn jemand sich selber ins Knie geschossen hat: selber schuld, aber er hilft jetzt, weil dieser Mensch Hilfe braucht und das nicht alleine kann. Und genauso ist es zwischenmenschlich auch gemeint. Derjenige, der große Fehler macht, braucht Hilfe. Hilfe ist, was hier mit Barmherzigkeit gemeint ist.
Nachdem Jesus also unterrichtet hat, wird er unterbrochen von seinem besten Schüler Petrus. Wir sind in Matthäus 18, Vers 21: „Da trat Petrus zu ihm und sprach: Herr, wie oft soll ich meinem Bruder vergeben, der gegen mich sündigt? Bis siebenmal?“ Und Jesus antwortete ihm: „Ich sage dir nicht bis siebenmal, sondern bis siebenundsiebzigmal.“
Die Bedeutung von siebenundsiebzigmal
In Vers 21 denkt Petrus, er ist jetzt super großzügig, wenn er sagt: Also ich würde jetzt auch siebenmal vergeben. Nicht nur einmal, sondern siebenmal – siebenmal am Tag. Weil die Sieben für Vollkommenheit steht, ist sie so die perfekte Zahl. Wenn Petrus sagt, ich vergebe siebenmal, dann denkt er, er ist schon vollkommen genug. Und da lässt sich Jesus überhaupt nicht darauf ein. Er sagt: Nein, das ist nicht vollkommen genug.
Er spielt mit dieser siebenundsiebzig auf Lamech an. Lamech ist einer der ersten großen Sünder in der Bibel. In 1. Mose 4, ab Vers 23, schwingt dieser stolze Mann eine Rede an seine beiden Frauen. Er hat zwei Frauen geheiratet und er hat jemanden umgebracht. Und jetzt begründet er, warum das gut ist, dass er das getan hat. Er sagt zu seinen Frauen: „Ada und Zilla, hört meine Stimme, ihr Frauen Lamechs, vernehmt meinen Spruch. Einen Mann erschlug ich, weil er mich verwundet, einen jungen Mann, weil er mich geschlagen hat. Denn Kain wird siebenfach gerächt, Lamech aber siebenundsiebzigfach.“
Also wer sich mit Lamech anlegt, der kriegt siebenundsiebzigmal zurück, was er ihm angetan hat. Da ist kein Platz für Gnade, da ist nur Rache. Diese Rache hier ist praktisch seine Identität. Das sind die einzigen Worte von ihm in der Bibel. Stell dir vor, es gäbe einen Satz über dein Leben. Das ist ja sein Grabstein sozusagen hier in der Geschichte: Ich töte Leute, die mich verletzen.
Der alte Mensch Lamech rächt sich siebenundsiebzigmal. Jesus will, dass der neue Mensch Petrus siebenundsiebzigmal vergibt. Statt Rache verlangt Jesus Barmherzigkeit. Aus einer Gewaltspirale, wie bei Lamech, soll eine Spirale der Barmherzigkeit und Gnade und Liebe werden in unserem Leben.
Es geht auch nicht darum, dass man dann irgendwie siebenundsiebzigmal hinter sich bringt und beim achtundsiebzigsten Mal dann knallhart nicht vergibt und unbarmherzig wird. Es geht darum: Wer noch zählt, wie oft er vergibt, der hat es nicht verstanden. Also wenn du in deinem Kopf sozusagen rechnest, wem du was alles schon vergeben hast und wie lange du den schon ertragen hast, dann bist du in dieser alten Denke von Petrus, der sagt: Siebenmal, reicht doch. Wenn Jesus sagt siebenundsiebzigmal, dann sagt er: unendlich oft.
Der König und der Knecht mit den zehntausend Talenten
Dann beginnt Jesus sein Gleichnis ab Vers 23: „Darum gleicht das Reich der Himmel einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte. Und als er anfing abzurechnen, wurde einer vor ihn gebracht. Der war zehntausend Talente schuldig. Weil er aber nicht bezahlen konnte, befahl sein Herr, ihn und seine Frau und seine Kinder und alles, was er hatte, zu verkaufen, um so zu bezahlen. Da warf sich der Knecht nieder, huldigte ihm und sprach: Herr, habe Geduld mit mir, so will ich dir alles bezahlen. Da erbarmte sich der Herr über diesen Knecht, gab ihn frei und erließ ihm die Schuld.“
Zehntausend Talente ist hier eine bewusste Übertreibung von Jesus. So viel Schuld kann man gar nicht haben. Zehntausend ist in der Mathematik von damals die höchste Zahl, mit der man gerechnet hat. Und das Talent ist die höchste Währung – das sind quasi Goldbarren. Das sind umgerechnet so was wie 100 Millionen Arbeitstage damals gewesen. Also er müsste jetzt 100 Millionen Tage arbeiten, um diese Summe aufzubringen.
Und dann heißt es: „Da erbarmte sich der Herr.“ Erbarmen ist hier ein Wort für eine Emotion. Da geht es um die Innereien, das ist ein Gefühl. Er sieht diesen Menschen, der ihm was schuldet, und hat Mitgefühl mit ihm. Die Barmherzigkeit des Königs geht hier auch viel weiter als das, was der Knecht erbeten hatte. Der Knecht will nur einen Aufschub. Der sagt: Ja, ich bezahl das noch. Und was er bekommt – statt Aufschub – ist völlige Vergebung.
Das ist auch ein ganz starkes Bild für das, was uns im Evangelium geschieht, wo wir Vergebung empfangen aus reiner Gnade. Der Knecht bittet nur um Aufschub, in Vers 26: „Habe Geduld mit mir, und ich will dir alles bezahlen.“ Der denkt klein, der denkt in Zeit, vielleicht mit einem neuen Zahlungsplan oder so was. Und was er nicht erwartet und was dann geschieht, ist Gnade in überfließender Fülle und Barmherzigkeit.
Die Frage nach der eigenen Vergebung
Der Knecht ist sich auch irgendwie verblendet, wenn er sagt, dass er das zurückzahlen will. Der hat doch keine 100 Millionen Tage Arbeitszeit oder Kraft zur Verfügung. Er müsste hunderte Jahre leben, um das irgendwie zu schaffen. Und trotzdem sagt er: Ich werde alles zurückzahlen.
Das hilft uns auch, uns selber einzusortieren bei diesem Thema mit der Vergebung und mit der Barmherzigkeit. Versuchst du noch, deine Schuld bei Gott zurückzubezahlen? Oder hast du schon seine Vergebung? Was sagst du und was lebst du vor Gott? „Ich werde alles zurückzahlen“? Oder sagst du: „Herr, erbarme dich über mich. Hilf mir, denn ich kann mir selber nicht helfen mit meiner Schuld.“
Denkt dran, was Jesus gesagt hat, dass wir werden müssen wie Kinder. Kinder sagen nicht: Ich werde dir das alles zurückzahlen. Die sagen: Bitte, gib mir mehr. Das heißt, der König gewährt ihm hier etwas, dass der Knecht nie gewagt hätte zu fragen: völlige Vergebung. Und das ist die Sicht von Gnade, die Jesus hier propagieren will. Gott gibt Menschen nicht, was sie verdienen, nicht, was sie verdienen könnten, sondern seine Gnade.
Der unbarmherzige Knecht
Es geht nämlich weiter: „Als aber dieser Knecht hinausging, fand er einen Mitknecht, der war ihm hundert Denare schuldig.“ Das ist viel, viel weniger. „Er griff ihn an und sprach: Bezahle mir, was du mir schuldig bist. Und da warf sich ihm sein Mitknecht zu Füßen, bat ihn und sprach: Habe Geduld mit mir, so will ich dir alles bezahlen.“ Kommt euch das bekannt vor? Warum kommt es diesem Typen nicht bekannt vor? Das ist genau das, was er vorhin wollte.
„Er wollte aber nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er bezahlt hätte, was er schuldig war. Als aber seine Mitknechte sahen, was geschehen war, wurden sie sehr betrübt. Sie kamen und berichteten ihrem Herrn den ganzen Vorfall.“ Das ist auch spannend als Detail hier: Mangelnde Barmherzigkeit bei dir macht andere, die das beobachten, unglücklich. Es stört die Gemeinschaft, wenn du einem einzelnen nicht vergeben willst oder ihm nicht Barmherzigkeit geben willst. Das ist jetzt nicht so, dass das irgendwie eine Privatsache ist zwischen dir und der anderen Person, dass ihr zwei euch dann irgendwie einfach aus dem Weg geht oder so was. Andere sehen, dass du unbarmherzig bist. Und das heißt hier: Sie sind sehr betrübt und berichten es ihrem Herrn. Willst du, dass deine Freunde für dich beten – oder gegen dich?
Das Urteil des Königs
Dann sagt Jesus: „Da ließ sein Herr ihn kommen und sprach zu ihm: Du böser Knecht! Jene ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich batest. Solltest denn nicht auch du dich über deinen Mitknecht erbarmen, wie ich mich über dich erbarmt habe? Und voll Zorn übergab ihn sein Herr den Folterknechten, bis er alles bezahlt hätte, was er ihm schuldig war.“
Und dann kommt der Punkt: „So wird auch mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn ihr nicht jeder seinem Bruder von Herzen seine Verfehlungen vergebt.“
Die hundert Denare, die dieser andere Knecht unserem Knecht schuldet, das ist nicht wenig, aber es ist natürlich nichts im Vergleich zu seiner Schuld. Das sind so hundert Tage Löhne oder so – also ein paar Monatsgehälter. Der Kontrast ist nicht nur die Menge der Schuld hier, sondern vor allen Dingen ist der Kontrast in diesem Gleichnis die Barmherzigkeit des Königs und die Skrupellosigkeit dieses Knechtes.
Der Knecht hat völlig vergessen, was ihm geschenkt wurde vor wenigen Minuten. Er kennt Gnade hier oben als intellektuelle Sache. Aber was hier rauskommt aus seinem Mund und aus seinen Händen ist nicht Gnade. Er lebt so wie jemand, dem gar nicht vergeben ist – und deswegen ist ihm auch nicht vergeben. So ist die Logik hier: Wenn Gott dir alles vergeben hat, dann wird dich das verändern. Und keine Veränderung heißt logischerweise: Er hat dir noch nicht vergeben.
Echte Vergebung verändert das Herz
Das heißt, du musst Gott um Vergebung bitten und seine Vergebung empfangen. Du hast bisher dich geirrt. Du hast Glaube gespielt, aber nicht gelebt. Du hast es hier oben verstanden, aber nicht im Herzen. Und sag nicht: Aber du, ich bin schon so lange Christ, schon so lange dabei. Das ist so ein tiefgreifender Wechsel im Herzen, dass es gut möglich ist, dass du dachtest, dass du das hast. Ich hinterfrage mich da auch immer wieder: Warum bin ich immer noch so, wie ich war? Hat mich das denn nicht ergriffen und verändert, was ich glaube?
Also bitte ruhe dich hier nicht auf deinem Glauben aus, sondern prüfe ihn, ob er echt ist. Wer wirklich verstanden hat, wie viel ihm selber vergeben ist, der kann auch vergeben. Der kann auch nicht mehr so hart sein wie dieser Knecht und so skrupellos. Du kannst nämlich nur geben, was du hast. Und wenn du keine Barmherzigkeit gibst, was heißt das? Dass du keine hast. Und was heißt das? Dass du welche brauchst. Und was heißt das? Du bist genau wie der, dem du keine Barmherzigkeit geben willst. Wir sind alle gleich hier. Wir sitzen alle im selben Boot.
Also die wahre Schuld dieses ersten Knechtes sind nicht die zehntausend Talente. Es ist sein Mangel an Barmherzigkeit. Als er mit zehntausend Talenten Schuld ankommt, dann wird er nicht „du böser Knecht“ genannt. Aber als er mit Unbarmherzigkeit ankommt, dann sagt der König: „Du böser Knecht!“ Vers 33 ist der Pfeil, den Jesus in unsere Herzen schießen will: „Solltest denn nicht auch du dich über deinen Mitknecht erbarmen, wie ich mich über dich erbarmt habe?“ Das fragt Jesus in diesem Gleichnis. Das ist, wo der Text hinzielt bei uns.
Barmherzigkeit verändert die Sicht auf Menschen
Vielleicht fällt es dir noch schwer, den Ärger des Königs und der Mitknechte hier zu verstehen. Stell dir vor, du hast einen engen Freund oder eine enge Freundin und jemand anders behandelt den unbarmherzig. Natürlich, dein Freund hat einen Fehler gemacht. Er ist jung und dumm und so weiter. Aber wo ist die Barmherzigkeit, fragst du dich? Das ist, was bei diesen anderen Knechten und beim König die Motivation ist: Sie lieben den.
Wenn es in Vers 34 heißt, dass der Mitknecht jetzt im Gefängnis ist, bis er seine Schuld bezahlt hat, dann heißt das: für immer. Sie ist nämlich unbegleichbar hoch. Also Barmherzigkeit erfordert Barmherzigkeit. Wenn jemand Barmherzigkeit empfangen hat, dann wird er nicht mehr darauf bestehen, selber immer recht zu bekommen, dass seine Ehre immer wieder hergestellt werden muss, dass jede Majestätsbeleidigung, die er empfindet, irgendwie gesühnt werden muss.
Er wird nicht sagen: Natürlich vergibt der König mir, ich bin ja auch besser. Sondern er wird sagen: Ich bin der Mitknecht hier. Der andere ist mein Mitknecht. Wir sind alle Knechte und alle haben Barmherzigkeit geschenkt bekommen, kostenlos, weil er uns liebt – nicht weil wir so toll sind, sondern obwohl wir es nicht sind.
Also Barmherzigkeit verpflichtet zu Barmherzigkeit. Was der Knecht hier nicht begreift: Er sieht Barmherzigkeit als eine Art Privileg für die wenigen Privilegierten – und er gehört offensichtlich zu den Privilegierten. Er betrachtet sich selber als würdiger dieser Barmherzigkeit und den anderen als unwürdig, und er hat Barmherzigkeit verengt auf sich. Barmherzigkeit ist für Jesus deine neue Sicht auf alle Menschen. Das ist, was sie eigentlich ist: ein Denkveränderer, ein Weltbild-Zerstörer ist Barmherzigkeit – dass du anfängst, die Menschen um dich herum neu zu sehen.
Der Schrei nach Barmherzigkeit durch das Evangelium
Bei Matthäus zieht sich das durch das ganze Buch. Matthäus 5, Vers 7 sagt Jesus: „Glückselig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ Das ist hier Vers 35 nur andersherum formuliert. In Kapitel 9, Vers 27 kommen zwei Blinde und die tappsen Jesus hinterher und schreien dabei: „Du Sohn Davids, erbarme dich über uns!“ Und als er dann später eine Volksmenge sieht, empfindet er in Vers 36 Mitleid, weil sie erschöpft und vernachlässigt sind wie Schafe, die keinen Hirten haben. So sieht uns Jesus, wenn uns unsere Sünden so belasten.
Als er in Kapitel 14, Vers 14 aus einem Boot steigt und wieder sind die Leute da, sagt er nicht: Schon wieder eine Menschenmenge. Sondern da erbarmte er sich über sie und heilte ihre Kranken. Sünde und Krankheit sind sich sehr ähnlich. Das ist etwas, wo ein Mensch sich selber nicht helfen kann, wo er einen Arzt braucht.
Kapitel 15, Vers 22: Da kommt eine Frau, die ist eine Kanaaniterin. Das sind die, die im Alten Testament die Todfeinde waren. Nachdem hat man geschmissen und gespuckt in Israel. Die kommt zu Jesus, weil ihre Tochter besessen ist, und sie fleht ihn an: „Erbarme dich über mich. Herr, du Sohn Davids, meine Tochter ist schlimm besessen.“
Jesus sagt, warum er das Brot in der Wüste vermehrt hat, in Kapitel 15, Vers 32: „Ich bin voll Mitleid mit der Menge, denn sie sind schon drei Tage bei mir und haben nichts zu essen.“ Jesus kommt von einem Berg herab, wo er ein besonderes Erlebnis mit Gott hatte. Und dann in Kapitel 17, Vers 14, auf dem Weg nach unten kommt ihm ein Vater entgegen, ganz verzweifelt, und fällt vor ihm nieder und sagt: „Herr, erbarme dich über meinen Sohn.“
In Matthäus 20, Vers 30 bis 34 kommen wieder zwei Blinde. Sie sitzen am Weg. Als sie hörten, dass Jesus vorüberziehe, riefen sie und sprachen: „Herr, du Sohn Davids, erbarme dich über uns!“ Aber das Volk verbot ihnen, sie sollten schweigen. Sie aber riefen nur noch mehr und sprachen: „Herr, du Sohn Davids, erbarme dich über uns!“ Die Allgemeinheit mag keine Barmherzigkeit – merkt ihr das? Nicht für die beiden. Aber Jesus stand still, rief sie und sprach: „Was wollt ihr, dass ich euch tun soll?“ Sie sagten zu ihm: „Herr, dass unsere Augen geöffnet werden.“ Da erbarmte er sich über sie und rührte ihre Augen an. Und sogleich wurden ihre Augen wieder sehend und sie folgten ihm nach.
Wer zu Jesus sagt: Ich brauche Barmherzigkeit, bitte erbarme dich über mich – der kriegt einen Wunsch frei. „Was willst du, dass ich dir tue?“, sagt er hier. Und dann erfüllt Jesus diesen Wunsch mit Barmherzigkeit. Dieser Schrei nach Barmherzigkeit, der hallt durch das ganze Evangelium. Ist das nicht, was wir alle von Gott wollen und brauchen? Und ist das nicht, was wir einander alle schuldig sind? Barmherzigkeit.
Gottes Wesen ist Barmherzigkeit
Barmherzigkeit ist, was Gott im Innersten ausmacht. Sein Wesen ist es, barmherzig zu sein. „Der Herr, der Herr, der starke Gott, der barmherzig und gnädig ist, langsam zum Zorn und von großer Gnade und Treue, der Tausenden Gnade bewahrt und Schuld, Übertretung und Sünde vergibt.“ Und deshalb sollen auch seine Kinder barmherzig sein.
In Epheser 4 zum Beispiel: „Seid aber gegeneinander freundlich und barmherzig und vergebt einander, gleichwie auch euch Gott vergeben hat in Christus.“ Und die Parallelstelle dazu: „Vergebt einander, wenn einer gegen den anderen zu klagen hat, gleichwie Christus euch vergeben hat, so auch ihr.“
Also die Gemeinde soll der Welt das zeigen, was die Welt nicht kennt: nämlich echte Liebe und Barmherzigkeit und Vergebung, die bedingungslos ist und immer neu und immer wieder und mitfühlt. Die Gemeinde darf kein Ort von Groll oder Rechthaberei sein, sondern der Barmherzigkeit. Gott ist barmherzig, und deshalb sollen und können wir auch barmherzig sein.
Liebe deckt die Verfehlung zu
In Sprüche 17,9 heißt es: „Wer Liebe sucht, der deckt die Verfehlung zu. Wer aber eine Sache weitererzählt, trennt vertraute Freunde.“ Hier ist Sünde als Nacktheit beschrieben, wie bei Adam und Eva. Sie essen vom Baum und am Ende der Geschichte stehen sie nackt da. Davor haben sie das nicht gewusst oder geahnt oder gefühlt. Aber jetzt sind sie einfach entblößt durch ihre Schuld. Wenn meine Sünde in der Öffentlichkeit bekannt wird, dann bin ich nackt. Ich fühle mich nicht nur so, ich bin es auch.
Und was Gott macht bei Adam und Eva ist: Er kleidet sie. Er deckt sie zu. Er gibt ihrer Schuld keinen Raum mehr. Gott hat nicht weitererzählt: Hey, alle Engel, wisst ihr, was die beiden gemacht haben? Ich habe sie erwischt! Er schlachtet ein Tier, zieht diesem Tier die Haut ab und macht daraus ein Gewand. Ein Hinweis darauf, was er für uns alle tun wird am Kreuz, wo er seinen Sohn schlachten wird als Lamm für unsere Schuld. Der uns dann gegeben ist als Gewand, als Kleidung für unsere Nacktheit.
Wer Liebe sucht, deckt die Verfehlung zu. Wenn du merkst, dass jemand eine Sünde begangen hat: nicht weitererzählen, sondern zudecken. Es ist nicht verschweigen, nicht ansprechen und so weiter und so fort – sondern mach Matthäus 18, aber diskret.
Das Herz als Quelle der Barmherzigkeit
Sprüche 3, Vers 3 ist einer meiner Lieblingsverse: „Gnade und Treue sollen dich nicht verlassen. Binde sie um deinen Hals. Schreibe sie auf die Tafel deines Herzens.“ Da fließt die Barmherzigkeit her. Das Herz ist, wo alles herkommt in deinem Leben. Das Herz ist die Quelle. In meinem Leben ist das Wasser, was überall hinfließt. Wenn etwas da draußen ist in meinem Leben, muss es zwingend vorher hier drin gewesen sein, wenn es mit mir zu tun hat.
Du trainierst immer dein Herz in die eine Richtung oder in die andere. Aus deinen Entscheidungen werden deine Gewohnheiten. Und aus deinen Gewohnheiten wird dein Charakter. Und dein Charakter wird dir zum Verhängnis werden oder zum Segen. Jedes Mal, wenn du dich entscheidest zu vergeben oder Barmherzigkeit zu gewähren, trainierst du dein Herz, das irgendwann nochmal zu tun. Denn aus diesen Entscheidungen wird irgendwann die Gewohnheit des Vergebens. Und aus dieser Gewohnheit wird über Jahre der Charakter, den Jesus in dir erschaffen möchte: seinen eigenen.
Paulus hat mal an eine Kirche geschrieben, er leidet Geburtswehen, bis Christus in euch Gestalt annimmt. Also bis aus dem, was er im Alltag macht, ein Charakter, der Jesus ähnlich ist, heranreift. Das ist, was Gott sich wünscht in seiner Gemeinde: dass die Barmherzigkeit, die ihn im Innersten ausmacht, irgendwann auch dich im Innersten ausmacht. Das ist unser gemeinsames Projekt.
Gemeinde als Ort der Barmherzigkeit
Wir sind doch alle dieser Knecht, der selber viel mehr Schuld auf sich geladen hat vor Gott, als andere uns irgendwie schuldig werden können. Und wir sind freigesprochen, völlig frei von unserer Schuld. Das ist, was Kirche ist. Wenn wir Gemeinde entdecken, müssen wir Barmherzigkeit in einer Gemeinde entdecken. Wenn du in eine neue Stadt ziehst und du kommst in eine Gemeinschaft und da ist keine Barmherzigkeit – lauf schreiend davon und wähl eine andere.
Das ist der ganze Sinn einer Kirche. Die Kirche ist laut Jesus das, wo Vergebung ist. Das ist, was er uns hier über Gemeinde zeigt. Gemeinde existiert nur, weil er uns Barmherzigkeit geschenkt hat. Und das heißt: Die Gemeinde existiert nur durch Barmherzigkeit und durch Vergebung und deswegen auch für Vergebung und Barmherzigkeit.
Also Vergebung wird hier in Matthäus 18 zum wahren Kennzeichen von dem Volk Gottes. Nicht Perfektion, sondern Schwachheit, die Vergebung erleben darf. Das heißt, eine Kirche muss auch ein Stück weit gelassen sein, wenn es um Sünde geht. Wir müssen die Sünde hassen, besonders im eigenen Leben, aber wir können nicht jeden Sonntag singen und beten und predigen, dass Jesus uns alle Sünden vergibt, und dann völlig aus der Haut fahren, wenn wir eine sehen.
Das passt doch gar nicht zusammen. Natürlich gibt es in der Kirche Sünde. Was hast du denn gedacht, was es in der Kirche gibt? Du bist ja auch nicht überrascht, wenn du einen Kranken im Krankenhaus siehst. So ist es für uns als Menschen mit unserer Sünde auch. Hier gehören wir hin als Sünder: in die Gemeinde. Wenn wir Sünde so sehen wie Jesus – als tiefstes Problem, für das es die tiefste Lösung gibt – dann brauchen wir nicht mehr geschockt sein, wenn es Sünde gibt.
Dafür hat Gott die Sünden im Leben unserer Gemeinde mit jedem gelassen. Das ist ihr Zweck: dass wir aneinander Barmherzigkeit üben. Das ist der Grund, warum du nicht perfekt bist und es nicht mehr wirst in dieser Welt. Weil sonst müsste keiner mehr an dir Barmherzigkeit üben. Man könnte aber auch keiner mehr Barmherzigkeit leben. Man könnte auch keiner mehr gottähnlicher werden.

