Thema: Versuchung und Gebet, Jesus in Gethsemane
Prediger: Andreas Dück
Datum: 10.08.2025
Der Garten Gethsemane – Ein Ort des Kampfes
Am letzten Sonntag hatten wir in der Predigt das Gebet aus dem Epheserbrief, das Gebet um Kraft, damit Gott Kraft schenkt, um die Liebe Gottes zu erkennen. Und heute würde ich das gerne vertiefen wollen – mit einem konkreten Beispiel aus der Bibel, wo jemand genau das getan hat, was Paulus im Epheserbrief schreibt. Er hat auch im Gebet gekniet und er brauchte Kraft. Und dafür müssen wir heute in einen Garten gehen.
Wir sehen jemanden, der eine so große Last trägt, dass er im Gebet vor Gott niederfällt und laut zu ihm ruft. Einer, der Kraft braucht und einer, der unter seinem Auftrag fast zusammenbricht. Es geht um Jesus. Ich habe gelernt: Auf einen Blick auf uns braucht es zehn Blicke hin zu Jesus. Also wenn ich auf mich schaue, einmal, muss ich zehnmal auf Jesus schauen, dann ist das ungefähr ausgewogen. Und das will ich heute mit euch zusammen tun, dass wir heute auf Jesus schauen. Wir wollen von ihm lernen, wir wollen uns ihm annähern, und ich würde euch einladen, sozusagen mit mir in diesen Garten zu gehen, um Jesus zu beobachten. Wen sehen wir da und wie erleben wir Jesus?
Schauen wir uns das mal an in Lukas 22, die Verse 39 bis 45: „Und er ging hinaus und begab sich nach seiner Gewohnheit an den Ölberg. Es folgten ihm aber auch seine Jünger. Und als er an den Ort gekommen war, sprach er zu ihnen: Betet, dass ihr nicht in Versuchung kommt. Und er riss sich von ihnen los, ungefähr einen Steinwurf weit, kniete nieder, betete und sprach: Vater, wenn du diesen Kelch von mir nehmen willst – doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Da erschien ihm ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. Und er war im ringenden Kampf und betete inbrünstiger. Sein Schweiß wurde aber wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen. Und als er vom Gebet aufstand und zu seinen Jüngern kam, fand er sie schlafend vor Traurigkeit. Er sprach zu ihnen: Was schlaft ihr? Steht auf und betet, damit ihr nicht in Versuchung kommt.“
Wir haben hier Jesus an einem sehr intensiven Tag, und ihn erwarten jetzt besonders intensive Stunden. Er hatte den Tag mit seinen Jüngern verbracht, sie haben gemeinsam gegessen, sie haben viel geredet, und jetzt geht es zu einem sehr, sehr schweren Gang. Und das Ding ist aber: Jesus weiß ja, was ihn erwartet, im Unterschied zu uns, die wir oft nicht wissen, was uns erwartet. Es geht hin zu schwersten körperlichen und psychischen Schmerzen und zum ultimativ grausamsten Tod, den man damals erleben konnte. Und jetzt geht Jesus nochmal aus Jerusalem raus mit den Jüngern an den Ölberg in den Garten.
Betet, dass ihr nicht in Versuchung kommt
Das Erste: Jesus sagt, betet, dass ihr nicht in Versuchung kommt. Und in dieser Szene könnt ihr sehen, dass es wie ein Rahmen ist. Jesus sagt das am Anfang zu den Jüngern in Vers 40, und er sagt das auch am Ende in Vers 46. Das ist hier in diesem Abschnitt das Letzte, was er sagt, und dann wird er abgeführt. Kommt Judas mit dem berühmten Judaskuss. Betet, dass ihr nicht in Versuchung kommt.
Worum geht es denn bei Versuchungen? Wenn wir beten, dann beten wir oft, dass Gott uns vor Leid bewahrt. Kein Mensch will Schmerz, kein Mensch möchte körperlich leiden, und kein Mensch möchte psychisch leiden. Und was Jesus hier im Blick hat, ist: Wenn wir unter Druck sind und in Leid, in Schmerz hineinkommen, dann sind wir in der Versuchung zu sündigen.
Wir kennen das mit der Versuchung ja ganz banal und harmlos. Wenn ich mir vorgenommen habe, ich werde jetzt ein paar Kilo abnehmen, und dann ist so ein Sonntagnachmittag, so ein schöner Kuchen, der vor mir liegt. Und ich weiß, eigentlich will ich den nicht essen, aber ich will ihn schon essen. Und dann dieser Kampf. Das ist ja eigentlich keine richtige Sünde, aber ich habe mir was vorgenommen. Wir waren wandern in Norwegen vor ein paar Jahren, und es gibt ja Leute, die sagen, Süßigkeiten sind nicht gut. Und dann waren wir wirklich so hin zu den Bergen, kurz vor der letzten Station der Zivilisation, da war ein Automat mit gekühlter Cola. Das war echt eine riesen Versuchung. Aber das ist nur banal im Vergleich zu dem, was Versuchung eigentlich wirklich ist. Die Versuchung, dass nicht nur auf unsere eigenen Regeln Druck ausgeübt wird, sondern auf das, was Gott will, dass wir anders handeln und somit mit Sünde reagieren.
Jesus kennt Versuchung
Wenn Jesus sagt, betet, dass ihr nicht in Versuchung kommt, kennt er sich mit Versuchung sehr gut aus. Er weiß, wovon er redet. Sein Dienst fing im Prinzip mit Versuchungen an. Nach der Taufe – einige haben sich taufen lassen, wir wollen demnächst wieder eine Taufe haben – nach der Taufe haben vielleicht einige von euch erlebt: Das war nicht sofort, dass man so richtig mit Jesus durchstartet, sondern oft ist dann auch mal so richtig eine Zeit der Bedrängnis und Versuchungen.
Bei Jesus war das so nach seiner Taufe. Da führte ihn der Geist in die Wüste, und da trifft er auf den Teufel, der ihn zu einer Sünde bewegen will. Und der macht drei Anläufe. Der erste Anlauf ist sehr harmlos, da geht es um Hunger. Jesus hat Hunger, 40 Tage nicht gegessen, nicht getrunken. Und die Versuchung ist: Mach dir Brot, zauber doch ein bisschen, es geht doch um dein Überleben. Nutze doch deine Superkräfte als Sohn Gottes. Er versucht mit der Not, dass Jesus gegen Gott und gegen die Macht antritt, die Gott ihm gegeben hat, und sie für sich egoistisch benutzt.
Die zweite ist auch verlockend. Für die meisten von uns wäre das keine echte Versuchung, aber der Teufel bietet ihm die Weltherrschaft an. Und warum war das für Jesus so eine Versuchung? Weil er als König gekommen ist, als König in diese Welt, um sein Volk wieder sozusagen zurückzuerlösen. Und der Teufel sagt: Einmal niederknien vor mir, und dann soll die ganze Welt dir gehören. Das ist die Versuchung, sehr banal gesagt, einer Abkürzung. Aber es ist ein wirklich teuflischer Plan und Gedanke, den der Teufel hier anbietet.
Und der dritte war ein Trick, und das war auch besonders fies. Der Teufel führt ihn auf einen Tempel und greift dann seine Identität an und sagt: Steht nicht in der Bibel, dass die Engel deine Bodyguards sind? Ja, dann beweise es doch. Bist du wirklich der Sohn Gottes? Hast du wirklich die Engel sozusagen zur Verfügung, und wird Gott zu seinem Wort stehen? Zeig das doch. Nirgends sind wir so herausgefordert, wie wenn unsere Identität hinterfragt wird. Und auch diese Versuchung kennt Jesus sehr, sehr gut.
Der Kelch – Gottes Zorn über die Sünde
Jesus kennt diese Angriffe, die auf die Schwachheit abzielen und die Situation ausnutzen, um dann zu einer Sünde zu verführen. Und hier kommt die ultimative Versuchung. Jesus spricht hier vom Kelch, und in dem Gebet sagt er: „Wenn du diesen Kelch von mir nehmen willst.“ Wofür steht der Kelch? Wir haben das gerade im Lied von Bonhoeffer gesungen, und Bonhoeffer beschreibt das, was wir heute im Westen in der Regel unter dem Kelch verstehen, nämlich Leid. Das ist ein Kelch des Leides, den wir trinken müssen. Ein Bild für das Leid in der ganzen Größe.
Aber in der Bibel, besonders im Alten Testament, stand der Kelch nicht für das Leid, sondern für den Zorn, für den Zorn Gottes. In vielen Propheten steht das drin, dieses Bild. Zum Beispiel sagt Jesaja das über Jerusalem: „Erwache, erwache, steh auf, Jerusalem, die du von der Hand des Herrn den Becher seines Zorns getrunken hast, die du den Taumelkelch getrunken und ausgeschlürft hast.“ Da gibt es dieses Bild des Kelches, wo Gottes Zorn aufbewahrt ist.
Das ist natürlich jetzt kein Kelch, kein Eimer, kein Bottich und auch kein Schwimmbecken. Das ist eigentlich ein Ozean, wo Gottes Zorn über die Sünde mit drin ist. Und damals sagten die Propheten, Israel wird diesen Zorn zu spüren bekommen. Er wird sich ausgießen auf sie. Und die ganze Welt, wir als Menschen, haben durch Sünde gegen Gott natürlich diesen Kelch des Zorns riesig werden lassen. Und dieser Kelch des Zorns ist jetzt vor Jesus, den soll er trinken, ganz bis zum Schluss.
„Doch nicht mein“, sagt Jesus, „sondern dein Wille geschehe.“ Was ist denn der Wille Gottes? Hier haben wir als Christen auch oft Schwierigkeiten, das für uns klarzukriegen. Aber der Wille Gottes steht im Wort Gottes. Das ist im Prinzip gar nicht so schwer. Einige Verse davor, in Vers 37, sagt Jesus: „Ich sage euch, auch dies muss noch an mir erfüllt werden, was geschrieben steht: Und er ist unter die Gesetzlosen gerechnet worden. Denn was von mir geschrieben steht, das geht in Erfüllung.“ Der Wille Gottes steht im Wort Gottes, sogar das, was über Jesus geschrieben steht.
Die Kraft im Gebet
Jesus brauchte Kraft. Es erschien ihm ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. Die Quelle seiner Kraft war nicht in ihm selbst, nicht in seiner göttlichen Natur. Er suchte Kraft im Gebet, und Gott antwortete, indem er einen Engel sandte. Jesus war in einem ringenden Kampf und betete inbrünstiger. Sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen. Das zeigt die Intensität dieses Gebetskampfes.
Wenn wir zu Gott beten, was glauben wir denn, was es tatsächlich bewirkt? Oder denken wir, dass es nur ein paar gute Worte sind, damit man sich für den Moment besser fühlt? Das Gebet hat Jesus nicht vor dem Kreuz bewahrt. Er hat wirklich mit vollem Körpereinsatz gebetet. Das hat ihn nicht vor dem Kreuz bewahrt. Und wir denken dann manchmal: Wenn Gott uns nicht hilft, wenn Gott nicht gibt, was wir brauchen, wenn Gott nicht bewahrt, dann lohnt es sich auch gar nicht zu beten.
Aber wenn wir verstehen, dass das Gebet mehr ist, als dass unser Wille erfüllt wird, sondern dass Gottes Wille erfüllt wird, und wenn darin eine Zufriedenheit und eine Freude liegt, dann ist das Gebet für uns auch von einem anderen Stellenwert, ganz automatisch.
Das Gebet wurde erhört – drei Tage später
Dieser Ort und dieses Gebet waren nicht der Schlusspunkt im Leben von Jesus. Im Brief an die Hebräer beschreibt der Autor diese Szene so: „Dieser hat in den Tagen seines Fleisches sowohl Bitten als auch Flehen mit lautem Rufen und Tränen dem dargebracht, der ihn aus dem Tod erretten konnte. Und er ist auch erhört worden um seiner Gottesfurcht willen. Und obwohl er Sohn war, hat er doch an dem, was er litt, den Gehorsam gelernt. Und nachdem er zur Vollendung gelangt ist, ist er allen, die ihm gehorchen, der Urheber ewigen Heils geworden.“
Wie kann das denn sein, dass hier steht, dass Jesus erhört worden ist? Stimmt das denn wirklich, würden wir sagen, Jesu Gebet ist erhört worden? Und für die ganze Geschichte ein klares Ja. Ja, Jesus hat die Kraft bekommen für den Auftrag, den er zu erfüllen hatte. Die Furcht hat er überwunden. Und Gott hat dieses Gebet erhört, aber drei Tage später. Das Kreuz ist ihm nicht erspart geblieben, und das ist für uns der Urheber unseres Heils. Aber Gott hat ihn errettet. Drei Tage später hat Gott ihn aus dem Tod herausgeholt.
Die Erhörung des Gebets bestand nicht darin, den Tod zu vermeiden, sondern den Tod zu überwinden, und das ist nachhaltiger. Und in dieser Zeit hat Jesus etwas gelernt. Jesus, der vollkommene Sohn Gottes, hat gelernt, und zwar Gehorsam. Er hat nie gesündigt, aber er hat hier Gehorsam gelernt.
Jesus versteht deinen Kampf
Für uns hat das eine Auswirkung, wenn wir heute zu Jesus beten. Dein Gethsemane und mein Gethsemane ist nicht so schlimm wie Jesu Gethsemane. Wir sind uns, glaube ich, alle einig hier. Aber auch unser Gethsemane kann manchmal richtig hart und schwer sein. Und so wie sein Grab nicht leer geblieben ist, wird auch dein Grab nicht leer bleiben – mit allem, was zum Leben dazugehört und was momentan deine Not ist.
Man kann das Gebet Jesu nur dann als nicht erhört bezeichnen, wenn man beim Kreuz stehen bleibt und nicht weiter zum Grab geht. Und bis dahin heißt es, dass Jesus dich verstehen kann. Wenn Menschen sich abwenden, weil sie deine Not nicht aushalten – das kann passieren, weil du und ich manchmal auch die Not anderer nicht aushalten können – dann kann er sie aber aushalten. Er ist da, wenn du betest. Er steht am Thron Gottes, so heißt es, und ist der Hohepriester für uns, der für uns einsteht. Mit Jesus sind wir nie allein in unserem Gethsemane. Er ist immer dabei, er schläft nicht. Er ist auch nicht überfordert.
Wir sehen hier in dieser Geschichte einen Menschen, der absolut an seine Grenze gekommen ist. Das ist Jesus in Gethsemane. Ein Jesus, der Kraft braucht und sie nirgends woanders sucht als im Gebet. Wenn das für Jesus so wichtig und entscheidend ist, dann bete doch auch. Dann ist das Gebet nicht das Letzte, was bleibt, sondern das Erste, was kommt.
Das große Problem aus Jesu Sicht ist eben nicht der Schmerz, auch wenn das für uns ein sehr großes Problem ist. Jesus kennt den Schmerz besser, als uns bewusst ist. Sondern die Versuchung, durch den Schmerz zu sündigen und diesen Schmerz mit Sünde zu ersticken oder zu beenden. Hiob, der große Leidende in der Bibel, hatte den Rat von seiner Frau bekommen: Sag dich los von Gott und stirb. Das ist die Versuchung. Aber jeder Schmerz wird aufhören.
Und wenn Golgatha nicht das Ende von Jesus war, dann wird es auch nie deine Not sein, wenn du an Jesus glaubst. Wenn Gethsemane nicht der Schlusspunkt war bei Jesus, dann wird es auch für deine Nacht nicht sein, in der du bist. Schau, wie Gott seinen Sohn gestärkt hat und ihn über alles erhoben hat, und wie er dich stärken will, um dir eine Ehre und Herrlichkeit zu geben, wie wir sie heute nicht sehen und ehrlicherweise auch nicht ahnen können.

