Thema: Warum Prüfungen ein Gewinn sind
Prediger: Alexander Dück
Datum: 29. Juni 2025
Eine paradoxe Aufforderung zur Freude
Warum Prüfungen ein Gewinn sind – das klingt zunächst wie ein Widerspruch. Stell dir vor, es ist Montagmorgen in der Schule. Du sitzt da, es ist heiß, und du willst eigentlich ganz woanders sein. Da kommt ein motivierter Lehrer herein und verkündet: „Freut euch, ein Vokabeltest!“ Das ist nicht gerade das, worüber man sich freut. Ungefähr so dürfte der heutige Predigttext emotional auf den ein oder anderen wirken.
In der letzten Predigt ging es um das Thema „Mit Gott durch die Krise“. Es ging um die Realität von Krisen im Leben, erklärt am Beispiel von Saul und Jeremia. Klagepsalmen wurden als echte Unterstützung und gute Ressource in der Krise aufgezeigt. Krisen gehören zum Leben, auch zum Leben mit Gott, absolut dazu. Sie sind nicht ein Zeichen dafür, dass Gott dich verlassen hat oder dass dein Glaube zu schwach ist. Sie sind Teil des Weges, den Gott mit dir gehen möchte.
Heute will ich konkret auf Herausforderungen im Glaubensleben eingehen. Es ist eine Art Konkretisierung der letzten Predigt. Ich nehme einen Teilaspekt heraus und werde das aus dem Jakobusbrief tun. Der Jakobusbrief hat 108 Verse. In diesem Brief gibt es über 50 Imperative, also Aufforderungen zur Tat. Jeder zweite Vers ist im Schnitt eine Aufforderung zu einer Handlung. Er verwendet die Imperative, um zu zeigen, wie lebendiger Glaube aussieht und wie er praktiziert werden soll. Jakobus kommt nicht mit ganz viel Theorie um die Ecke, sondern er benennt sehr deutlich, in welchen Teilen des Lebens dein Glaube sich äußern würde, wenn du mit Jesus unterwegs bist.
Es geht um Jakobus 1, die Verse 2 bis 4. Ich lese aus der Elberfelder Übersetzung: „Haltet es für lauter Freude, meine Brüder, wenn ihr in mancherlei Versuchung geratet, indem ihr erkennt, dass die Bewährung eures Glaubens Ausharren bewirkt. Das Ausharren aber soll ein vollkommenes Werk haben, damit ihr vollkommen und vollendet seid und in nichts Mangel habt.“
Drei Verse, drei Imperative – und wie könnte es anders sein, wir haben drei Punkte für die Predigt: Versuchung mit Freuden, Geduld als Ziel der Bewährung und Vollendung.
Versuchung mit Freuden
Schauen wir uns Vers 2 genauer an: „Haltet es für lauter Freude, meine Brüder, wenn ihr in mancherlei Versuchung geratet.“ Was für eine paradoxe Aufforderung! Inmitten von Prüfungen, Herausforderungen und Anfechtungen die Aufforderung zur Freude. Ich glaube, wenn dieser Teil verinnerlicht wird von dir und von mir, wird es unsere Schwierigkeiten und die Zeiten, in denen wir unter Druck sind, echt verändern.
Christliche Freude ist grundsätzlich unabhängig von äußeren Umständen. Das dürftet ihr mittlerweile oft genug gehört haben. Es ist sogar möglich, eine echte Zufriedenheit und Dankbarkeit zu empfinden, wenn Gott uns in seiner Liebe formt. Die Aussagen des Jakobus sind aber für den natürlichen Menschen dermaßen befremdlich, dass sie nur in die Kategorie von Masochisten oder Asketen geschoben werden können – Menschen, die es lieben, wenn sie wenig haben, wenn es wehtut. Natürlich ist das nicht. Diese Gedanken kommen dir nicht intuitiv. Du hast eine Anfechtung, du bist versucht in deinem Glaubensleben, und das Erste, was dir da so kommt, ist nicht „Happy Life“. Das passiert nicht automatisch. Freude ist nicht das, was direkt da ist.
Dieser erste Imperativ, die erste Ermahnung im Jakobusbrief – „freut euch, wenn ihr in Prüfungen verschiedener Art kommt“ – offensichtlich war die Gemeinde damals durch die Umstände irgendwie betrübt. Denke dich in dein eigenes Leben, entweder jetzt oder stell dir das theoretisch vor. Du erlebst etwas, was dich unter Druck setzt, weil du Christ bist. Intuitiv denkst du nicht über Freude nach, wahrscheinlich. Wenn doch, dann hast du diesen Punkt von Jakobus schon gut verinnerlicht.
Im Prinzip sagt er: Leute, wenn das in deinem Leben passiert – du bist mit Jesus unterwegs, irgendwie ist alles cool, sind nette Leute da, sehr schöne Lieder, die Zukunft ist geregelt, der Tod ist nicht mehr so schreckhaft – dann sagt Jakobus: Wir wollen noch einen Schritt weitergehen. Weicht mal den Versuchungen nicht aus. Ihr müsst sie nicht suchen, aber wenn sie kommen, weicht ihnen nicht aus, sondern besteht in ihnen. Mehr noch: Wenn sie da sind und der Gedanke Gottes dabei ist, empfinde Freude.
Etwas Negatives für Freude halten muss unbedingt begründet werden. Warum? Zu der Erkenntnis kommt man ja nicht automatisch instinktiv. Normalerweise freut sich eben keiner über einen Vokabeltest am Montagmorgen in der Schule, wenn man sowieso keine Lust hat, da zu sein. Jakobus startet mit dem Thema Freude, und eigentlich habe ich den Jakobusbrief auch nie so mit einem Freudenbrief in Verbindung gebracht. Er fängt tatsächlich mit dem Thema Freude an.
Geduld – Das Ziel der Bewährung
Vers 3 erklärt den Zusammenhang: „Indem ihr erkennt, dass die Bewährung eures Glaubens Ausharren bewirkt.“ Hier liegt der Schlüssel. Die Prüfung ist nicht sinnlos. Sie hat einen Zweck. Sie bewirkt Ausharren, Geduld, Standhaftigkeit. Das griechische Wort für Ausharren bedeutet wörtlich „darunterbleiben“ – unter dem Druck bleiben, nicht weglaufen, nicht aufgeben.
In Römer 5, Vers 3 und in 1. Petrus 1, Vers 6 findet ihr noch weitere gute Gedanken dazu. In dieser Zeit lernt der Glaube Geduld, dieses Darunterbleiben, und gewinnt so an Tragkraft. An Tragkraft gewinnen ist so wichtig. Das ist wie wenn du eine Idee hast und Leute überzeugen willst, dass diese Idee richtig gut ist. Du willst, dass daraus eine Tat wird, und du bekommst richtig gute Argumente und beweiskräftige Tatsachen. Wenn du die mitlieferst, dann bekommt deine Idee Tragkraft und wird zu einer Überzeugung, an die auch andere glauben. Wenn ein Mensch durch Training Muskelkraft bekommt, das ist Zunahme an Tragkraft. Dein Glaube nimmt zu an Tragkraft durch Ausharren, wenn Ausharren da ist durch Bewährung in diesen Herausforderungen. So wird dein Gottvertrauen stark.
Ohne dieses Training bleiben wir Waschlappen. Davon auszugehen, dass mit der Bekehrung zu Jesus und dem Empfang des Heiligen Geistes Gott schon mit uns fertig ist, das ist Träumerei. Aber gleichzeitig ist Ausharren auch nicht ein zerknirschtes „Schon wieder muss ich, ich will eigentlich gar nicht, wie komme ich hier weg?“ Das Zusammenreißen, das ist nicht der Plan.
Gemeinsam durch Prüfungen
Lasst uns daran denken, in dieser Gemeinschaft einander zu tragen. Wir sind ja nicht diese Einzelkämpfer, die wie ein Marathonläufer alleine unterwegs sind und am Ziel als Erster ankommen müssen. Wir sind ein Pulk von Leuten. Wir alle laufen diesem einen Jesus hinterher. Und das Ziel ist nicht, vor dem anderen anzukommen, sondern das Ziel ist, dass alle ankommen. Jesus gebraucht dich für den nächsten und den nächsten für dich, damit ihr beide ankommt.
Vielleicht, wenn du unter Druck bist, fragst du dich: Wieso werde ich gerade nicht gestützt? Wieso ist gerade keiner da, der zu mir sagt, freu dich in der Anfechtung? Es kann daran liegen, dass dein Nächster vielleicht gerade selber heftig unter Dampf ist. Es kann daran liegen, dass ihr es nicht wusstet. Ein praktischer Tipp: Es hilft zu reden. Kommuniziere in der Mitgliederversammlung, in den Gebetsanliegen, im Hauskreis, dort, wo eine etwas vertrautere Runde da ist, wie es bei dir gerade aussieht. Sucht nicht das Mitleid der anderen, sucht aber deren Unterstützung. Du musst es sagen. Wenn du es nicht aussprichst, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Enttäuschungen kommen, enorm groß. Sag deinem Bruder, deiner Schwester deine Not, benenne das Anliegen.
Vollendung – Was haben wir davon?
Was haben wir davon, wenn wir ausharren? Wo will Gott mit uns hin? Vers 4 gibt die Antwort: „Das Ausharren aber soll ein vollkommenes Werk haben, damit ihr vollkommen und vollendet seid und in nichts Mangel habt.“
Vollkommen sein und vollendet – es bezeichnet jemanden, der alle notwendigen geistlichen Eigenschaften entwickelt hat. Vollkommen ist das, was Gott gefällt. Vollkommen ist nicht perfekt. Vollkommen ist nicht ohne Fehler auf Erden sein. Vollkommen ist nicht das Unnatürliche, was man eh nie erreicht. Es ist das, was Gott von dir in dieser Situation möchte: gottgefällig zu leben. Das ist vollkommen im Sinne Gottes.
Die absolute Vollkommenheit werden wir selbstverständlich erst in seiner Gegenwart haben. Für den Moment begnügen wir uns damit, dass das, was jetzt möglich ist, das erreichst du auch. Das ist Vollkommenheit im Sinne Gottes. So auch im Alten Testament das Wort „gerecht“ zum Beispiel. Wenn jemand als gerecht bezeichnet wird, dann ist er nicht der Superheld, der keine Fehler hat. Aber für den Moment hat er genau das getan, was Gott von ihm erwartet, was Gott gemäß ist.
Bei Jakobus sehen wir ein starkes Bemühen darum, dass der Glaube an Gott nicht ein theoretischer Gedanke bleibt, sondern der Glaube muss gelebte Praxis werden. Es muss einen riesigen Unterschied machen zwischen dem, bevor du Jesus kennengelernt hast, und wenn du schon eine Weile mit Jesus unterwegs bist.
Deine Verantwortung im Reifungsprozess
Jakobus macht deutlich: Es ist möglich, im Heiligen Geist den Willen Jesu zu erfüllen. Wir können Erwachsene im Glauben werden. Ja, wir sollen es sogar. Bleib nicht in deinen Kinderschuhen stecken. Das ist nicht normal. Es muss weitergehen. Wachstum sollte stattfinden.
Zum Schluss will ich auf die Verantwortung des Einzelnen zu sprechen kommen. Drei Imperative, drei Aufforderungen zur Tat – jeder Gläubige trägt konkrete Verantwortung. Dinge, die du machen kannst: aktive Kooperation mit Gottes Reifungsprozess mit dir.
Lauf nicht vorzeitig aus den Prüfungen raus. Das kannst du ganz aktiv machen. Unterbrich sie nicht. Kürze sie nicht ab. Wenn du in einem Dauerlauf von zwei Kilometern bist und deine Runden läufst, wenn du anfängst, immer an einer bestimmten Stelle eine Abkürzung zu nehmen, bist du am Ende disqualifiziert. Du wirst diesen Lauf nochmal machen müssen.
Bewusste Entscheidung für die Ausdauer. Intuitiv willst du raus aus der Drucksituation. Du kannst dich dafür entscheiden, drin zu bleiben. Deine Verantwortung. Nicht aufgeben, wenn der Weg schwierig wird. Vertrauen, dass Gott die Umstände wirkt. Es ist nicht das Schicksal, das Imaginäre irgendwas. Fokus auf das Ziel der geistlichen Reife haben. Deine Verantwortung ist es, das ultimative Ziel im Blick zu behalten: Christusähnlichkeit als Lebensziel.
Vertrauen in Gottes Führung. Man könnte auch sagen: glauben an Gottes Führung. Vertrau darauf, dass das Sinn macht. Konkret heißt das in schwierigen Zeiten: murre nicht, jammere nicht rum, erkenne Gottes Hand in deinem Leben. Du könntest versucht sein, die Muster anzuwenden, die du angewandt hast, als du Jesus noch nicht kanntest. Das lenkt nur ab. Das sind Abkürzungen – tu das nicht. Im Gebet bleiben, um Weisheit bitten.
Du bist also nicht nur ein passiver Empfänger von Gottes Gnade, sondern ein aktiver Teilnehmer am Reifungsprozess. Lass uns mit Ausdauer laufen. Das ist ein vollkommenes Werk. Das ist der Befehl.
Schau auf Jesus
In diesem Prozess schauen wir auf Jesus, der um der vor ihm liegenden Freude willen das Kreuz erduldete (Hebräer 12). Das vollkommene Vorbild für Ausharren. Wir können aufeinander schauen, dort wo es bei dem ein oder anderen klappt. Noch mehr: Schaut auf den Einen, der perfekt standgehalten hat. Unsere Standhaftigkeit ist somit ein Hinterhergehen, ein Nachgehen seines Weges. Wir schauen nicht auf uns, sondern auf den, der es vollendet hat.
Jakobus 1, Vers 12: „Selig ist der Mann, der die Versuchung erduldet. Denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott verheißen hat denen, die ihn lieben.“
Prüfungen und Versuchungen sind ein Gewinn, weil Gott sie gebraucht, um unseren Glauben zu festigen, unsere Christusähnlichkeit zu fördern und uns zu der Reife zu führen, die er für uns vorgesehen hat. Vertraue ihm mit deiner Prüfung. Freu dich in seiner Treue. Lass zu, dass er dich in dem Ausharren zu dem Menschen macht, durch den Gott verherrlicht wird. Amen.

