Thema: Vom Lernenden lernen: Lukas 2, 40-52
Prediger: Andreas Dück
Datum: 11. Januar 2026
Eine Geschichte mit ganz viel Aufregung
Heute geht es um ein Kind, das zwölf Jahre alt ist, und um Eltern von einem zwölfjährigen Kind. Natürlich dürfen sich auch alle anderen Kinder angesprochen fühlen und auch alle Eltern und auch die, die es werden und die, die es sind auf unterschiedliche Art und Weise. Wir werden heute alle unser Fett abkriegen und wir werden heute alle einen Segen mitbekommen aus dem Wort Gottes.
Es geht um eine Geschichte mit ganz viel Aufregung, denn ein Kind geht verloren. Ich erinnere mich noch, es war ein Urlaub in der Toskana, da waren wir am Strand, alles war ganz entspannt und ich werde es nicht vergessen, wie auf einmal ein Schrei kam – eine Frau, sie lief am Strand entlang, weil sie ihr Kind verloren hatte und sie hatte länger danach gesucht. Ich habe es heute noch so im Herzen, wie der ganze Strand, die Menschen alle so voller Anspannung waren, weil man nicht wusste, wo das Kind ist. Und als sie es dann gefunden hatte, ich habe noch so ein Bild im Kopf, wie sie es an sich drückte. Es hatte länger gedauert, bis sie es gefunden hatte. Alle waren wieder erleichtert, aber ich weiß auch, das saß so in den Knochen, das hat den ganzen Tag nicht mehr aufgehört.
Wir haben heute eine Geschichte von Jesus als zwölfjährigem Jungen – ein Jesus, der verloren gegangen ist. Es ist die einzige Geschichte von ihm als Kind. Es gab später mehrere Legenden, die man gebildet hat, weil man sich natürlich vorstellen möchte, wie Jesus als Kind gewesen wäre. Aber das ist die einzige wirkliche wahre Geschichte, die der Heilige Geist uns gegeben hat, und deswegen hat sie einen ganz besonderen Platz. Ich lade euch ein, mit mir zusammen die Bibel aufzuschlagen in Lukas 2 ab Vers 40. Wir wollen dieses Drama in fünf Akten erleben und ich will für uns drei Lektionen herausziehen, die wir mitnehmen. Wir werden heute von jemandem lernen, der selbst noch lernt.
Der Rhythmus der Gnade
Lukas 2, Vers 40-42: „Das Kind aber wuchs und wurde stark, im Geist erfüllt mit Weisheit, und Gottes Gnade war auf ihm. Und seine Eltern reisten jährlich am Passahfest nach Jerusalem. Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie nach dem Brauch des Festes hinauf nach Jerusalem.“
In der letzten Geschichte haben wir Jesus erlebt als Baby mit acht Tagen, das in den Tempel getragen worden ist. Jetzt haben wir eine Geschichte, in der er schon selbst laufen kann und auch reden und auch teilnehmen an dem, was da passiert. Der Tempel ist für Jesus ein besonderer Ort. Es ist das irdische Abbild von seinem eigentlichen Zuhause.
Aber warum gehen sie eigentlich nach Jerusalem, so wie immer, wie es hier heißt, wie es üblich war? Passa war das wichtigste Fest in Israel, dauerte sieben Tage. Es erinnerte an das wichtigste Ereignis im Leben des Volkes. Ungefähr eineinhalbtausend Jahre vorher führte Gott das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten in die Freiheit, um ihm zu dienen. Und Gott befahl, dass Israel jedes Jahr an dieses Ereignis denken sollte, weil das war besonders stark. Israel war, was es war, wegen dem, was Gott hier getan hatte.
Wir haben Maria bereits erlebt mit ihrem Lobgesang, wie sie die Schriften zitierte. Das heißt, sie war die ganze Zeit im Wort Gottes, und das war damals in der Synagoge. Sie kannte die Bibel der damaligen Zeit und hatte sie verinnerlicht durch den regelmäßigen Besuch. Sie hielten sich als fromme, gottesfürchtige Menschen natürlich auch an die Feste, die an Gottes Taten erinnern sollten.
Als Jesus also ein Jahr alt war, gingen sie mit ihm nach Jerusalem. Als Jesus zwei Jahre alt war, gingen sie mit ihm nach Jerusalem zum Passa. Als Jesus drei Jahre alt war, gingen sie mit ihm nach Jerusalem zum Passa. Als Jesus vier Jahre alt war – ihr wisst schon, was kommt. Als er fünf Jahre alt war, sechs, sieben, acht, neun, zehn und jetzt zwölf. Die Strecke betrug 140 Kilometer, das waren ungefähr vier, fünf, sechs Tagesreisen zu Fuß.
Und das führt uns zu der ersten Lektion, die wir lernen an der Beobachtung von Maria und Josef: Sie leben in einem Rhythmus, wir können das auch sagen, einem Rhythmus der Gnade. Was passiert bei einem Kind, das regelmäßig Dinge erlebt? Es ist nicht eine Pädagogik durch Worte – „das musst du tun, das musst du lassen“ – sondern es ist eine Erziehung durch Beobachten, durch Erfahrung, durch Nachahmung, durch Erleben, durch Sehen. Und Jesus erlebt es, wie die Kinder auch, die von frommen Eltern in den Gottesdienst nach Jerusalem gegangen sind, um das Fest zu feiern, was es heißt, Gott zu feiern.
So geschieht Erziehung am besten: Man gibt dem Kind das weiter, was man sowieso lebt und wovon man selbst sowieso überzeugt ist. Und für die Eltern unter uns: Was du wiederholt machst, was du immer wieder machst, ist das, was dein Kind lernt. Und das ist das, was dein Kind prägt.
Die Rhythmen des Lebens
Die Rhythmen deines Lebens, der Rhythmus deines Tages: Morgens aufstehen, Zähne putzen, frühstücken, zur Arbeit gehen oder zur Schule fahren, Mittagessen, aufräumen, essen, schlafen gehen, beten – ja genau, irgendwo kam das auch vor. Oder der Wochenrhythmus: Was ist denn so in einer Woche immer dran, was du jedes Mal tust? Arbeit, der Wocheneinkauf, Gym. Die Monatsrhythmen: der Friseur vielleicht jeden Monat, Auto waschen, der Stammtisch. Und dann die Jahresrhythmen natürlich: die Feste Weihnachten, Ostern, Urlaub, Frühjahrsputz, Besuche – die Rhythmen des Lebens.
Unser Leben ist voll mit Leid, unser Leben ist auch voll mit Versagen. Und wisst ihr, was wir brauchen? Wir brauchen unbedingt Gnade in unser Leben hinein. Sonst sind wir völlig eingezogen von den Dingen dieser Welt, die gut sein können für unseren Körper und für uns insgesamt, aber sie sind nicht alles. Wir brauchen Gnade in unserem Leben. Und wo kommt Gnade in unserem Leben vor? Wie kommt denn Gnade zu uns in unser Leben hinein?
Dazu hat Gott uns Rhythmen der Gnade gegeben, und denen kannst du regelmäßig begegnen, indem nämlich in deinem Tagesablauf auch das Beten und das Bibellesen ein Rhythmus ist, in dem du lebst. Das gemeinsame Anbeten und Hören auf das Wort Gottes hier am Sonntag. Heute war es morgens minus sieben Grad. Es gibt viele Gründe, nicht zum Gottesdienst zu gehen, aber das ist ein Rhythmus der Gnade, den Gott uns gegeben hat, dass Gott uns begegnet und wir Gott begegnen.
Das Treffen mit den Gemeindegeschwistern in den Treffen in der Woche, die da sind. In unseren Kreisen dort, wo wir zusammen die Bibel lesen, füreinander beten. Der Dienst in einem Team im Laufe des Monats. Und dann im Jahr unsere Intensiv-Einsätze, die wir machen, wo wir Gott unsere Zeit weihen, ganze Wochen – vielleicht im Life-Camp, vielleicht in einem Einsatz in der Ukraine, vielleicht in einem Einsatz evangelistisch in einer anderen Stadt. Das sind Rhythmen der Gnade Gottes. Sie erinnern uns immer wieder daran, dass wir Gott brauchen, und Gott begegnet uns in diesen Rhythmen.
Und vielleicht denkst du gerade: Ich bin da eigentlich aus dem Takt gekommen. Ist nicht schlimm, du kannst direkt wieder anfangen. Du kannst nicht nur sagen, wie man leben soll, auch wenn du Vater oder Mutter bist – nicht dem Kind sagen, was es tun soll, sondern es zeigen. Es ist das eine, dem Kind zu sagen, du musst die Bibel lesen, du musst beten. Es ist was ganz anderes, wenn das Kind sieht, du liest die Bibel und du betest. Und das nicht nur, weil gerade Sonntag ist oder weil du gerade irgendwo eine Andacht vorbereiten musst, sondern du liest die Bibel, weil es ein Teil des Rhythmus deines Lebens ist – Rhythmus der Gnade.
Erlebt dein Kind die Rhythmen der Gnade Gottes in deinem Leben? Es ist natürlich keine Garantie. Man kann nicht sagen, wenn ich das immer so mache und mein Kind erlebt das auch, dass mein Kind auch glauben wird und mir genauso nachmacht. Nein, es gibt keine Garantie, das kann es auch nicht, denn Gott hat uns geschaffen mit einem Willen, bei dem wir uns irgendwann entscheiden, wie wir mit Gott umgehen wollen. Aber diese Rhythmen können das Kind prägen und tun es auch. Niemand kann den Glauben ins Herz des Kindes hineindrücken. Aber wir können Voraussetzungen schaffen, wenn es um die Kinder geht, dass sie erleben, wie Gnade Teil unseres Lebens ist und uns davor bewahrt, im Diesseits zu versacken und die Ewigkeit im Herzen zu feiern.
Gott will dein Herz durch die Rhythmen der Gnade prägen und auch das von deinem Kind.
Das verlorene Kind
Aber zurück zu Josef, Maria und Jesus in Jerusalem. Wir lesen weiter, was hier passiert: „Als die Tage vollendet waren und sie wieder heimkehrten, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und Josef und seine Mutter wussten es nicht. Da sie aber meinten, er wäre bei den Reisegefährten, zogen sie eine Tagereise weiter und suchten ihn unter den Verwandten und unter den Bekannten. Und weil sie ihn nicht fanden, kehrten sie wieder nach Jerusalem zurück und suchten ihn.“
Hier müssten wir mal ein bisschen stehen bleiben und gucken, wie fühlt sich das hier an, was passiert. Jesus beschließt als zwölfjähriger Junge, in Jerusalem zu bleiben – eine Stadt, damals eine regionale Großstadt und zu Festzeiten überfüllt mit Menschen, tausende, tausende Menschen in dieser Stadt. Josef und Maria sind schon eine Tagereise weit gegangen, und weil sie in Sippen gelebt und auch in Sippen gereist sind – wir sehen ein bisschen was von Jesus‘ sozialem Umfeld – haben sie gedacht, ja, Jesus ist irgendwo mit dabei.
Eine Tagereise, ungefähr 30 Kilometer. Vielleicht müssen sie übernachten, da gucken sie: Wo ist Jesus, ist er bei euch? Nein, bei euch ist er? Bei uns hat er nicht, wir dachten bei euch, nein, bei uns hat er nicht, wir dachten bei euch. Danach gefragt, Schwiegermutter, Cousin, Nachbarin – Jesus ist nicht da. Und wir merken an der Art, wie der Text aufgebaut ist, dass hier wirklich Dampf in den Kessel kommt, hier kommt Druck. Und das können alle verstehen, die schon mal jemanden verloren haben, gerade auch wenn es um ein Kind geht.
Sie laufen nach Jerusalem zurück, und wahrscheinlich etwas schneller als sie hingegangen sind. Eine Tagereise waren sie weg, ungefähr ein Tag wieder zurück, und dann haben sie noch mal einen Tag lang in Jerusalem gesucht. Stellt euch mal kurz vor, was das bedeutet: mit wenig Schlaf, nicht viel Essen, die ganze Zeit Aufregung pur, die ganzen Gedanken – was könnte passiert sein, was könnte passiert sein? Und dann haben sie die letzte Idee: Es könnte der Tempel sein, wo er ist.
Jesus im Tempel
„Und es geschah nach drei Tagen, fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie befragte. Es erstaunten aber alle, die ihn hörten, über sein Verständnis und seine Antworten.“
Da sitzt er bei den Theologen, bei den Professoren, den Doktoren, den Priestern, den ganzen klugen Menschen im Tempel und redet mit ihnen. Und die sind stark beeindruckt – was hat der Junge für kluge Fragen! Ihre Reaktion ist Erstaunen. Und er ist wirklich ein überragender Schüler. Übrigens ist das bis heute gut, wenn man so lernt: nämlich Fragen stellt, weil man auch wissen will, wirklich zuhören, nicht nur da sein körperlich, sondern auch geistig da sein, wissen wollen – das macht einen guten Schüler aus. Und Jesus war ein perfekter Schüler, so wie jeder Lehrer, jede Lehrerin ihn doch gerne hätte.
Die Eltern könnten stolz auf ihn sein. Aber was war so ihr Gefühl? Wir können verstehen, dass ihre Gefühle eine ganz andere Richtung gegangen sind als das, was wir hier bei den Professoren und Theologen sehen. Wie wäre deine Reaktion als Papa oder Mama, wenn du dein Kind nach drei Tagen in einer Großstadt finden würdest?
„Und als sie ihn sahen, waren sie bestürzt, und seine Mutter sprach zu ihm: Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.“ Das, was hier mit „bestürzt“ steht, kann man auch mit „Erstaunen“ übersetzen, aber der Kontext zeigt, dass es mehr Bestürzung ist und eine tiefe Betroffenheit. Da ist jetzt der Junge und wir haben ihn endlich gefunden. Ich muss ehrlich sagen, ich bin über die Reaktion von Maria schon eher positiv überrascht. Ich weiß nicht, ob ich in der Lage wäre, so zurückhaltend zu reagieren, wie sie das hier gemacht hat, nach den drei Tagen Stress, Schlaflosigkeit und großer Sorge.
Wer ist mein Vater?
Und jetzt kommt die Reaktion von Jesus: „Und er sprach zu ihnen: Weshalb habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?“
Weshalb habt ihr mich gesucht? Was denkt ihr – ist das so die angemessene Antwort eines Zwölfjährigen nach drei Tagen? Ich weiß nicht, wo er geschlafen und gegessen und gelebt hat, wahrscheinlich im Tempel. Und dann finden seine Eltern ihn.
Drei Beobachtungen will ich hier an der Stelle weitergeben. Zum einen sehen wir hier, dass Jesus, als er das sagt, genau weiß, wer er ist. Seine Mutter hatte gerade noch gesagt in Vers 48: „Dein Vater und ich haben dich gesucht.“ Und dieser zwölfjährige Junge weiß schon: Ich habe einen Vater, der mich großzieht, aber ich habe dann noch einen anderen Vater. Schaut mal, was Jesus in Vers 49 sagt: „Ich muss in dem sein, was meines Vaters ist.“ Und damit meint er nicht seinen Vater Josef. Denn das wäre die Werkstatt in Nazareth gewesen. Jesus weiß: Ich habe einen Vater im Himmel, das ist mein Vater. Und ich muss dort sein, wo er ist. Das ist eigentlich mein Zuhause.
Ich muss sagen, dass ich, als ich das hier so gelesen habe und auf mich habe einwirken lassen, diesem zwölfjährigen Jesus zugehört habe – da hatte ich so eine Wehmut in meinem Herzen. Denn dieser junge Jesus, er weiß, er ist eigentlich nicht von dieser Welt. Und das, was in dieser Welt seiner Welt am nächsten kommt, ist der Tempel, der gebaut worden ist für seinen Vater im Himmel. Wenn wir uns versuchen, reinzuversetzen in diesen Jungen – den einzigen Außerirdischen, wenn man so will, der innerirdisch war, der Mensch geworden ist, aber der gleichzeitig auch nicht ganz normal war – der einzige Ort, wo er ganz zu Hause sein könnte, wäre der Tempel gewesen. Und das ist kein Wunder, dass er dort sein möchte. Auf der einen Seite ganz normal, auf der anderen Seite nicht. Und ich glaube, dass wir es schwer nachvollziehen können, diese Zerrissenheit, in der er war.
Und wenn er sagt, „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss“, so sehen wir einen Drang in seinem Herzen, der schon seinen Auftrag, den er hat, erahnen lässt. Und das wird in seinem Leben noch oft ein „Muss“ geben: wo er den anderen Städten das Evangelium verkündigen muss, wo er sagen wird, der Menschensohn wird viel leiden müssen. Und der Sohn des Menschen muss in die Hände sündiger Menschen ausgeliefert werden, um gekreuzigt zu werden und am dritten Tag aufzuerstehen. Er hat einen Auftrag, und den merkt er schon jetzt, wo er erst zwölf Jahre alt ist.
„Was sucht ihr mich?“ Diese Frage könnte man meinen, dass es völlig unangemessen frech war – aber es war es nicht. Josef und Maria wussten ja, was das für ein Junge ist. Sie wussten ja, woher er kam. Und seine Antwort ist: Wenn ihr mich schon sucht, dann ist doch klar, dass ich hier bin, im Tempel.
Das Dilemma in einer gefallenen Welt
Ehrlich gesagt, könnten wir jetzt eine Pause einlegen, um diese Situation zu betrachten, und wir würden hier wirklich eine Menge lernen über Berufung, über Konsequenz, über Leidenschaft. Aber ich will uns einmal auf eine besondere Spannung lenken, die wir hier erleben. Wir haben die Reaktion der Eltern gesehen und wir konnten es komplett nachempfinden, oder? Wir sehen hier die Reaktion von Jesus und wir können, wenn wir uns da reinversetzen, auch sehr gut verstehen, warum Jesus tat, was er tat, und dort war, wo er war.
Und nun sehen wir die Reaktion der Eltern, schaut mal in Vers 50, was dort steht: „Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte.“ Josef und Maria konnten Jesus nicht verstehen. Sie konnten ihn nicht verstehen.
Was würdest du als Familienseelsorger jetzt zu diesen Eltern und zu diesem Kind sagen? Was könnten sie jetzt machen, damit sie einander verstehen? Wie hätte er es besser sagen können? Was würdest du Jesus sagen, wie er es besser erklären könnte, wie er mit seinen Eltern gesprochen hat? Oder wie würdest du mit Maria sprechen, wie sie es hätte besser sagen können oder besser zuhören sollen? Wie könnten sie sich verständlich machen?
Und hier kommen wir zu einer Lektion, zu der nächsten Lektion, die etwas ernüchternd ist, aber völlig wahr ist: Wir leben in einem Dilemma als Lebenswirklichkeit einer gefallenen Welt. Wir müssen anerkennen: Es gibt Widersprüche in unserem Leben, die können wir nicht auflösen – nicht hier und nicht jetzt.
Wenn man so aufgebracht ist, so emotional, so voller extremer Sorge, und dann die Auflösung kommt – da ist er endlich – da will man eigentlich, dass das Ganze erklärt wird durch irgendeine Schuld. Irgendjemand muss jetzt hier Schuld gehabt haben, weil es ja so heftig ist, was ich erlebt habe. Wie oft passiert das uns, dass wir in ähnlichen Situationen uns direkt ein Framing bauen, in dem der andere die Verantwortung dafür trägt, weil es uns so geht, wie es uns geht.
Also wenn ich an unsere Ehe denke – ich hoffe, ich habe das schon mal erzählt – da ist irgendein Thema, irgendein Problem, irgendeine Situation, eine Spannung, die da ist, und meine ersten Gedanken, ich schäme mich dafür, ist oft: Warum hat Sophia jetzt Schuld? Und das ist so, als wäre das ein Naturgesetz. Aber es gibt Spannungen im Leben, die haben mit einer aktuellen Schuld nichts zu tun.
Schmerzen ohne Schuld
Hatte Jesus Schuld? War Jesus ungehorsam? Wir haben jetzt nicht die Zeit, das zu untersuchen, aber wenn wir uns den Text anschauen, müssen wir sagen: Nein, Jesus war nicht ungehorsam, er hat nicht gegen ein Gebot der Eltern verstoßen. Und wir wissen auch aus dem Gesamtzeugnis der Bibel, dass Jesus sündlos war. Jesus hat nicht gesündigt.
Und Maria und Josef – haben sie gesündigt, haben sie was falsch gemacht? Also heute würde man sagen Aufsichtspflicht vernachlässigt oder so, aber meine Güte, was können Eltern nicht alles falsch machen in ihrem Leben? Und wir würden sagen: Auch sie haben nicht gesündigt gegen Jesus. Es ist ein Teil der unerlösten Welt, dass es Schmerzen gibt, die ohne Schuld entstehen.
Maria sagt: „Warum hast du uns das getan? Wir haben dich mit Schmerzen gesucht.“ Das ist ein Vorwurf an Jesus, aber Jesus ist nicht schuld. Niemand ist schuld hier, aber der Schmerz ist da und die große Aufregung und das Unverständnis. Wenn das bei sehr frommen Eltern mit einem sündlosen Sohn passiert – jetzt kommen wir zu dir mit zwölf Jahren, vielleicht bist du auch elf, zehn, dreizehn, vierzehn, oder neun oder acht, oder zu dir als Vater oder Mutter von einem Kind – wie viel mehr wird das nicht auch bei euch passieren! Dass Dinge da sind, die Schmerzen verursachen und Unverständnis, und man guckt, wer hat Schuld. Aber es ist einfach eine Realität in einer gebrochenen Welt, in der wir leben, Beziehungen leben und Schmerzen entstehen.
Wenn Schuld da ist, sollte sie nicht beiseitegewischt werden. Es gibt viel Schmerzen durch Schuld. Aber es gibt auch Situationen, in denen Schmerz da ist, einfach nur, weil diese Welt gebrochen ist und die ersten Menschen gesündigt haben. Und das Reden schwerfällt und das Verstehen schwerfällt und Dinge passieren, wo wir am Ende nicht sagen können, warum ist das jetzt so gelaufen.
Diese Lektion gehört unbedingt in unser Herz: In deinen und in meinen Beziehungen wird es Schmerzen geben, auch allein deswegen, weil wir in dieser Welt leben. Kannst du vielleicht diesen Gedanken zulassen, auch in Beziehungen, die du gerade hast, die schwerfallen, dass die Schmerzen nicht unbedingt deswegen da sind, weil der andere was falsch gemacht hat? Oder du was falsch gemacht hast? Also wenn es so war, dann kann man das bekennen, um Vergebung bitten und auf Heilung zuarbeiten. Aber in unseren Ehen, Familien, in unserem Alltag gibt es diese Situationen zuhauf.
Die überraschende Lösung
Was ist denn die Lösung? Ist die Lösung noch mehr Worte? Ist die Lösung noch bessere Worte zu finden? Und gibt es überhaupt eine Lösung der Situation? Ja, es gibt eine, die wir hier sehen und von der wir lernen können.
Schauen wir uns doch mal diese Geschichte an. Maria ist aufgebracht und sagt: Was hast du uns angetan? Du hast uns Schmerzen gemacht. Und Jesus sagt: Ich musste doch hier sein, wusstet ihr das denn nicht? – Klammer auf: Ihr wisst ja, wer ich bin, und so, ne? Klammer zu. – Und dann sehen wir: Sie verstehen ihn nicht. Was passiert dann? Was dann passiert, lesen wir in Vers 51, nachdem sie diese Worte geredet haben: „Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und ordnete sich ihnen unter. Und seine Mutter behielt all diese Worte in ihrem Herzen.“
Haben wir das gerade wirklich gelesen, was hier steht? Da hat doch gerade Jesus seine Gottes-Trumpfkarte gespielt und gesagt: Ich habe einen Vater im Himmel, deswegen muss ich hier sein, wo ich bin. War das gerade nicht ein Hinweis, dass sie sich bei dem Gottessohn noch ein bisschen hinten anstellen sollten? Also stramm stehen, ja, weil er ist ja Gottessohn. Das können Kinder mit zwölf auch ohne Gotteskomplex ganz gut. Wenn es einer machen könnte, dann er. Tut er aber nicht.
Was tut er? Er ging hin und ordnete sich ihnen unter. Gottessohn, Jesus Christus, der bald unzählige Wunder tun wird, der Retter der Welt, ordnet sich seiner Mutter und seinem irdischen Vater Josef unter und ist ihnen gehorsam.
Leben in der Ordnung
Und was machen die Eltern? Wir lesen hier: „Die Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen.“ Es ist vielleicht ein Hinweis, dass sie später dem Lukas erzählt hat oder Lukas es über andere mitbekommen hat, was hier passiert ist. Aber was wir sehen ist: Sie lässt es stehen. Hier wird nichts mehr weiter geklärt. Hier gibt es keine Konsequenzen. Sie lassen es stehen. Es gibt kein Aha-Moment. Es gibt kein „Bitte verzeih mir, nein, verzeih du mir“ oder so. Nein. Sie lassen es stehen und leben entsprechend der Ordnung, in der sie zueinander stehen. Das ist unsere dritte Lektion.
In dem Text übrigens, wenn ihr den vor euch habt, werdet ihr sehen: Maria und Josef werden nie mit Namen genannt, sondern es steht immer nur „die Eltern“, „die Mutter“ oder „der Vater“ – in ihrer Funktion, in der sie die Jesuseltern sind, so werden sie hier genannt. Josef und Maria sind die Eltern und Jesus ist der Sohn. Und als Sohn ordnet er sich seinen Eltern unter. Das ist die Lösung. Kann das wahr sein? Kann das richtig sein? Und die Mutter lässt es stehen. Ist das das, was wir brauchen?
Weißt du, wenn du zwölf bist, dann bist du wirklich ein kluger Mensch. Du bist manchmal schon, also bist nicht mehr im Kindergarten, und du weißt schon einige Dinge mehr als deine Eltern. Du weißt Dinge, von denen haben deine Eltern nicht einen Schimmer, eine Ahnung. Und sie verstehen dich nicht. Sie verstehen nicht deine Gefühle, nicht deine Erlebnisse, das, was gerade durch deinen Kopf geht. Was machst du damit, dass sie dich nicht verstehen? Kannst du bessere Worte finden, damit sie dich verstehen, oder gar nicht mehr mit ihnen reden?
Wenn du ein Kind bist von Eltern, die Verantwortung für dich tragen, dann ist das, was du hier bei Jesus lernen würdest: Behandle sie wie deine Eltern. Lebe entsprechend der Ordnung, in der du jetzt momentan stehst. Und wenn Jesus unvollkommenen Eltern gehorcht hat, als Gottes Sohn, der perfekt war – vielleicht bist du nicht ganz so perfekt wie Jesus und nicht ganz so sündlos und hast es sogar nötiger als er.
Und ich verrate dir etwas: Später ändert sich die Ordnung. Wenn Jesus erwachsen wird, wird er seiner Mutter auch Widerworte sagen, wird Dinge nicht tun, die sie von ihm verlangt – oder nicht jetzt tun wollen. Seine Mutter wird ihn später mal zur Rede stellen wollen. Da gibt es so eine Situation, es war mit Konflikt behaftet, und Jesus wird sogar sagen: Wer sind meine Mutter? Wer sind meine Brüder? Die, die Gottes Willen tun – das ist meine Mutter, meine Brüder. Das ist schon sehr heftig. Am Ende wird sich Jesus um seine Mutter kümmern, kurz bevor er stirbt.
Aber wisst ihr, es hat eine Ordnung, in der Jesus lebt, die er völlig angenommen hat. Und später als erwachsener Mensch ist er mit seinen Eltern noch anders umgegangen. Irgendwann wirst du mit deinen Eltern anders umgehen, aber solange du zwölf bist, lebe in der Ordnung, in der du momentan stehst. Folge deinen Eltern.
Ermutigung für Eltern
Und wenn du Mama und Papa bist von einem Zwölfjährigen – ach weißt du, man kann so viel falsch machen in diesem Leben, oder? Als Eltern, da gibt es so viele Podcasts, Bücher, die Eltern im Kindergarten und in der Schule und in der Gemeinde, die machen das alles ganz anders. Wie kann man überhaupt ein Kind erziehen in dieser Welt? Erziehe ein Kind! Eltern wissen um ihre Grenzen, Schwächen und Sünden.
Aber weißt du, wenn Gott, der himmlische Vater, seinen himmlischen Sohn in die Hände von irdischen Eltern anvertraut hat, dass sie ihn erziehen, und er dir das Kind gegeben hat – dann kannst du es auch anpacken und tun. Erziehe dein Kind. Trau dich. Natürlich wissen wir, dass dort, wo Verbrechen geschehen in Familien, wo Gewalt da ist, Kindeswohlgefährdung, da hat die Gesellschaft einen Auftrag, für eine andere Ordnung zu sorgen. Aber für den ganz normalen üblichen Fall: Lebe die Ordnung, in der du bist.
Und für uns alle anderen, die wir miteinander Geschwister in der Gemeinde sind, gilt genau das Gleiche. Wir werden Situationen haben, die können nicht aufgelöst werden – nicht hier und jetzt. Dann lasst uns in der Ordnung leben, in der wir miteinander sind: einander annehmen, füreinander beten und miteinander Gemeinschaft haben.
Chef und Mitarbeiter: Es ist schön, wenn man tolle Freunde ist, aber man kann nicht immer Freunde sein, auch nicht in der Firma. Dann sind wir das, was wir sind in der Ordnung, in der wir leben, als Chef und als Mitarbeiter.
In einer Ehe – es ist ja eine ganze Predigtreihe für sich, über eine Ehe zu sprechen, wie dort auch Missverständnisse Teil des Lebens sind. Was bedeutet das für unser Leben miteinander? Dass wir einander annehmen, dass wir die Ordnung annehmen, in der wir leben, dass wir einander sehen, dass wir miteinander reden, dass wir miteinander leben, miteinander planen, miteinander lieben und einander sehen. Das ist das, was wir machen. In einer Ehe, in der Ordnung, in der wir vor Gott stehen.
Das bedeutet nicht, dass wir Sünde akzeptieren. Wir wollen mit Sünde richtig umgehen und wir wollen sie angehen. Aber dort, wo wir verstrickt sind in einer gefallenen Welt, da wollen wir unsere Beziehungen pflegen aufgrund der Ordnung Gottes. Und wir können hier von diesem zwölfjährigen Jungen lernen, der versteht: Er ist ein Sohn von Eltern und als solcher lebt er mit ihnen.
Abrundung: Zunehmen an Weisheit und Gnade
Wir kommen jetzt zur Abrundung dieser Geschichte. Was für eine Geschichte, oder? Wir haben am Anfang gesehen, da sind diese Rhythmen der Gnade, in denen die Familie lebt – Josef, Maria mit Jesus und den Kindern – und es ist gut für uns, Gewohnheiten zu prägen, die Gottes Gnade in unser Leben hineinwirken lassen.
Wir sind zusammen mit den Eltern in Panik ausgebrochen. Wir sind mit ihnen zusammen erleichtert und wütend zugleich, als man Jesus findet. Wir sind aber auch mit Jesus da und verstehen ihn, dass er eine Spannung hatte, die keiner sonst verstanden hat – auch seine Eltern nicht. Wir sind erstaunt über seine Entwicklung, angespannt wegen dem Konflikt und erstaunt über die Lösung.
Und zum Schluss sehen wir, wie sich das, was Jesus tut, auf ihn auswirkt: „Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.“ Es ist wirklich die Aussicht eines Segens, wenn wir leben in den Ordnungen und Prinzipien, die Gott uns gegeben hat. Das Ergebnis bei Jesus war Weisheit. Das Ergebnis bei Jesus war Gnade, also das Wohlgefallen vor Gott und vor Menschen. Er war jetzt keiner, dem man lieber aus dem Weg gegangen wäre, oder jemand, der so ein rechthaberischer, unangenehmer Mensch war, sondern einer, mit dem man gerne zusammen war. Das soll es bedeuten.
Und wir können lernen, in einer Welt zu leben, in der Schmerzen Teil der Beziehungen sind, aber trotzdem kann die Gnade Gottes in unserem Leben wachsen. Wir lernen, was es heißt, sie für uns anzunehmen und Frieden darin zu finden, dass es eine Auflösung geben wird – aber später. Und solange es noch nicht später ist, ist es nicht so schlimm. So lernen wir von Jesus, in der Gnade zu wachsen in der Welt, in die Gott uns hineingestellt hat.
Gebet
Gott, unser Vater, wenn wir diese Geschichte lesen, dann denken wir uns vielleicht auch: Was hast du dir dabei gedacht, deinen Sohn Jesus in eine Welt anzuvertrauen, die gebrochen ist, die sündig ist – ein Umfeld, das nicht erlöst ist, Eltern, die Fehler machen und die Dinge nicht verstehen, die irdisch denken, irdisch sind?
Aber du hast es getan und du hast damit einen Weg eingeschlagen, uns zu retten, uns zu erlösen, in unsere Welt hineinzukommen, die wirklich schwer ist, auch für uns. Danke, dass Jesus uns versteht. Er versteht uns dort, wo wir uns nicht verstanden fühlen. Er versteht uns dort, wo wir uns ungerecht und unfair behandelt fühlen. Er versteht uns dort, wo wir so voller Sorge sind und so voller Emotionen und Wut.
Und wir danken dir, dass wir hier ein Beispiel und ein Muster sehen von einem Umgang, wie wir leben können, ohne zu zerbrechen in einer zerbrochenen Welt. Und wir bitten dich, dass du deine Gnade und dein Prinzip der Gnade unser Herz formen lässt, sodass wir ausgerichtet werden auf dich, dir ähnlicher zu werden, so wie du. Amen.

